Aus dem Weg

Es war eine der letzten Hürden, die wir auf dem Spielplatz noch nehmen mussten. Dem Zögern und Hadern folgte der erste zaghafte Versuch noch auf Papis Schoß. Dann der erste Selbstversuch. Und jetzt ist auch die Rutsche vor Schelma nicht mehr sicher. Weiterlesen „Aus dem Weg“

Auf dem Spielplatz

– Wo ist mein Kind? Sieht jemand mein Kind?
– Ich sehe nur Toni. Er hängt gerade am Bein von Lutz.
– Und Schelma?
– Schelma spielt und lässt sich von gar nichts beeindrucken.
– Hey, welches Kind trägt blaue Schuhe? Ich sehe durch den Busch nur blaue Schuhe!

Wir Eltern hocken hinter dem Zaun wie eine Bande Pädos und beobachten heimlich, was sich auf dem Spielplatz abspielt. Es ist immer noch Eingewöhnungsphase in der Kita und unsere Sprösslinge sollen sich an das Leben ohne uns gewöhnen, miteinander agieren und interagieren. Und der Spielplatz ist das Experimentierfeld par excellence.

Spielplätze erinnern mich immer an Gefängnisse, Parallelwelten mit eigenen Hierarchien. Der Ton auf Spielplätzen ist rau. Einmal harke ich mit Schelma den Sand, den sie sich Sekunde vorher über den Kopf geschüttet hat. Da höre ich hinter mir einen Disput. „Du bist so bescheuert, meine Güte“, faucht ein Vater mit Hornbrille, Strohhut und dünnen Gliedmaßen seinen etwa achtjährigen Sohn an, der sein T-Shirt mit Fruchtsaft verziert hat.

Barsche Worte gibt es jedoch nicht nur zwischen Eltern und Kindern. Eines Tages erdreistet sich eine Dame – schick im Kostüm und hochhackigen Schuhen und einem Kind, das einen französischen Namen trägt – ihren Hund mit auf den Spielplatz zu nehmen. Es ist kein Pitbull, keine Kampfmaschine, eher ein Hund Marke Fußhupe. Dass er angeleint an der Bank sitzt, erträgt man noch zähneknirschend. Doch als er sich los macht und im Sand umher wuselt, ist der Rubikon überschritten. Mit Schimpf und Schande wird die Dame im Kostüm vom Spielplatz gejagt. Es fehlte nicht viel, dass man sie noch mit Sand und Spielzeug verfolgt und beworfen hätte.

Zur Kampfzone auf den Spielplätzen wird in schöner Regelmäßigkeit die Schaukel. Es gibt jene Mütter, die sich nach langer Zeit und scheinbar zufällig wieder treffen. Das Wiedersehen findet dann überraschenderweise meist an der Schaukel statt und während ihre Kinder durch die Lüfte fliegen, schwelgen sie in ihren Erinnerungen, 5, 10, 20 Minuten lang – und die angestaute Schlange aus genervten Eltern und quengelnden Kindern scharrt bereits mit den Hufen.

Manchmal hilft ein Trick: Scheinbar zum Kind (aber natürlich so laut, dass es die Zielpersonen auch hören) sagen wir etwas wie: „Aber ja, wir schaukeln auch noch. Jeder kommt mal dran. Das andere Kind ist sicher gleich fertig.“ Das „gleich“ ziehen wir dabei in die Länge und betonen es kräftig. Gleichzeitig werfen wir einen Blick über die Schulter, um sicher zu gehen, dass die Botschaft bei der Zielperson auch unmissverständlich angekommen ist.

Wenn selbst das nicht hilft, wird es hässlich und schmutzig. Einmal will ein Kind Schelma partout nicht schaukeln lassen, steht einfach nur da und blockiert. Ein Rotzefaden hängt dem Mädchen aus der Nase.
„Willst du uns nicht auch einmal schaukeln lassen?“, frage ich sie.
Keine Reaktion.
„Dir hängt was aus der Nase, willst du dir nicht ein Taschentuch holen?“
Keine Reaktion.
Dann beuge ich mich zu hier hinunter, verenge die Augen zu Schlitzen und flüstere ihr zu: „Du bist hässlich und keiner will mit dir spielen.“
Da zieht das Gör ab und wir haben die Schaukel.

In einem Elternmagazin habe ich gelesen, dass ein Kind alles, was für einen sozialen Umgang wichtig ist, erst noch lernen müsse. Dafür brauche es die Auseinandersetzung mit anderen. Und die Anleitung seiner Eltern.

Schelma ist in den letzten Wochen und Monaten zwar sehr flink geworden, auf den eigenen Beinen stehen kann sie aber noch nicht. Das ist ein Nachteil, wenn ein Bengel auf zwei Beinen ankommt und ihr das Spielzeug klaut. „Och, Jooni, das macht man aber nicht“, säuselt die Mutter und weist ihr Kind an, die unrechtmäßig angeeignete Harke zurückzugeben.

Schelma ist allerdings nicht nachtragend und bietet dem Bub mit ausgestrecktem Arm eine Backform an. Er lächelt, streckt die Hand aus, und just in dem Moment, in dem er die Backform greifen will, zieht sie Schelma mit einem Ruck zurück und lacht sich ins Fäustchen. Da fängt das Muttersöhnchen an zu heulen. „Och, das war aber gemein“, empört sich die Muttersöhnchen-Mutti. Das „gemein“ zieht sie dabei in die Länge und betont es kräftig, damit ich es auch nicht überhöre.

Und ich entgegne voller Stolz: „Das hab ich ihr beigebracht!“