Hey Joe: Der erste Elternabend

Wir sitzen auf Yoga-Matten am Boden und bilden einen Kreis. Vorher müssen wir unseren Namen ablegen und bekommen den unseres Nachwuchses auf Papier an die Brust getackert. Ab diesem Zeitpunkt existieren wir nicht mehr als eigenständige Identitäten.

Die Kita-Leiterin betritt wie eine Hohepriesterin mit einer Klangschale in der Hand den Raum und lässt den Gong durch die Luft vibrieren, das Zeichen für den Beginn. Wir sitzen stramm. Erzieher Johannes rückt seine Nickelbrille zurecht und schnappt sich die Klampfe. Auf seinem Gesicht, das von einer Albrecht-Dürer-Frisur eingerahmt ist, leuchtet ein entrücktes Lächeln auf und zu seinen 3-Finger-Akkorden stellt er fest:

„Alle Kinder sind schon da,
alle Kinder sind schon da,
die Schel-ma ist da,
der Jo-na-than ist da,
der Mo-ham-med ist da…“

Wir sind erstarrt. Uns bleibt der Mund offen stehen. Elf Mal insgesamt stellt der Kita-Jimi Hendrix fest, wer da ist und lediglich drei Mal sind es Mädchen. Was für ein Raubtierkäfig ist das hier? Wie soll Schelma unter solchen Bestien überstehen, die zwar schon krabbeln kann, aber noch nicht schnell genug ist, um sich vor den kleinen Raubtieren in Sicherheit zu bringen?

So wie vor dem kleinen Shogun, der vor Kraft strotzt und den Fußboden des kompletten Raums durchpflügt, bevor er auf das älteste Baby stößt, 1,5 Jahre und die einzige, die sich schon selbstständig und aufrecht auf beiden Beinen halten kann – zumindest solange, bis Shogun in sie rauscht. Sie kommt ins Wanken und kracht auf Shogun nieder. Eine Sekunde herrscht Verwunderung über den Zusammenstoß. Dann bricht das große Geschrei aus. „Ich bin froh, dass ich nicht wissen werde, was in der Kita alles passiert“, flüstert uns eine Sitznachbarin auf der Yoga-Matte zu. Ich sehe meine Schelma schon als Vorspeise der Bestien.

Nach der Singstunde dürfen die Eltern noch ihre Sorgen und Fragen loswerden. Es ist nur eine: „Ist es überhaupt möglich, ein Dutzend Kinder gleichzeitig zum Schlafen zu bringen?“

„Ja, es ist möglich.“
„Wie?“
Schweigen.
„Wie?!“
„Es ist möglich!“

Dann ist unser erster Elternabend auch schon vorbei. Wir schnappen uns noch eine ausliegende Broschüre über „Körperwahrnehmung und körperliche Neugier kleiner Kinder“ (hatte Berlin-Oma da vielleicht als Ghostwriterin ihre Finger im Spiel?) und treten niedergeschlagen den Heimweg an. Wäre es nicht besser, Schelma noch ein Jahr zu Hause zu behalten? Oder zwei? Oder bis zur Einschulung? Aber es ist zu spät, die Verträge sind unterschrieben, die Lastschriftgenehmigung erteilt. Und der nächste Termin steht schon fest: Ein paar Tage später hat sich der Kita-Hausbesuch angesagt und wir denken nur, uh, where you gonna run to now, where you gonna run to?