Schelma als Meister Yoda

Nur keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Wir wissen nicht, was die Kita-Mitarbeiterin bei uns möchte. Sehen, ob wir im Siff leben? Wissen, mit was für Eltern ihr künftiger Schützling seine Tage verbringt? Welchen Einflüssen er ausgesetzt ist? Die Fragen zermartern uns. Ich lenke mich ab, indem ich alle Steckdosen babysicher mache, mein Werkzeug-Equipment aus Schelmas Reichweite entferne und das Parkett bohnere.

Sie kommt pünktlich, im Treppengang höre ich sie schwer atmen. Ich empfange sie an der Tür, nehme ihr die Jacke ab, begleite sie ins Wohnzimmer, biete ihr Wasser an. Sie stellt sich vor, doch ich verstehe ihren Namen nicht, deswegen soll sie hier „Lutz“ heißen. Ich habe neulich einen Film gesehen, in dem die Hauptdarstellerin auch so genannt wurde.

Ich versuche, aus ihrem Blick ihre Absichten herauszulesen. Doch ihr Pokerface verrät nichts. „Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen“, sagt Lutz, als sie sich gesetzt und einen dünnen Ordner aufgeschlagen hat, aus dem sie einen seitenlangen Fragenkatalog fischt. „Ok“, sagen wir und schlucken.

Und dann fragt sie. Was erwarten Sie von der Kita? Womit spielt Schelma gern? Wie akzeptiert sie ein Nein? Was liest sie gern? Was ist ihr Lieblingslied? Welche Sprache spricht sie am häufigsten? Welche Bezugspersonen hat sie außer Ihnen? Wir antworten nach bestem Gewissen. Und so ehrlich wie möglich. Nun weiß Lutz, dass Schelma gern mit Steckdosen und Handys und Grasbüscheln spielt und dass sie ein Ehrgeiz-Defizit hat (das natürlich schon viel, viel besser geworden ist). Dass sie zwar mehrere Sprachen hört, aber noch keine sprechen kann und dass sie am liebsten das Lied „In einem Polenstädtchen“ hört, ein alter Wehrmachtschlager, der aber auch schon von Heino gesungen wurde. Gefühlte 64 Fragen später bedankt sich Lutz, steht auf und verabschiedet sich. Wir bleiben zurück, allein mit unseren Gedanken.

Nur wenige Tage später kommt es zum Wiedersehen. Es ist Schelmas erster Tag in der Kita, D-Day. Und er beginnt mit großem Staunen. Schelma sitzt da und staunt. 5 Minuten. 10 Minuten. Ihr Mund steht offen, die Augen sind groß und sie staunt weiter. Nach 15 Minuten hat sie ausgestaunt und beginnt zu spielen. Und leider müssen wir feststellen, dass die anderen ihr an Flinkheit und Schnelligkeit immer noch einiges voraus sind. Um sie herum wuselt es wie ein Ameisenhaufen, sie nimmt es gelassen hin. Nimmt ihr jemand das Spielzeug weg, schnappt sie sich ein neues.

Schelma lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen. Im Gegensatz zu Jasper. Als seine Mutti verschwindet, beginnt er zu weinen, erst leicht dann wächst das Schluchzen zu einem Brüllen und wandelt sich in pure Hysterie. 45 Minuten lang. Nach wenigen Minuten sind die anderen angesteckt und füllen die Kita mit ihrem Tränengesang. Nun schlägt Schelmas Stunde. Sie macht den Meister Yoda, checkt mit weisem, analysierendem Blick die Lage und räumt, da ihr nun niemand mehr das Spielzeug wegnimmt, in Seelenruhe die Kiste mit den Plastiktieren aus.

Vielleicht könnte Schelma in Toni einen Seelenverwandten getroffen haben. Toni weint auch nie, außer, wenn er sich die Finger in der Tür klemmt. Und Toni liebt Essen. Als ein Papa zum Geburtstag seines Sprösslings Bio-Muffins ohne Zucker mit Bio-Erdbeeren vom Land in die Kita mitbringt, stürzt sich Toni darauf wie ein Ferkelchen. Schelma bekommt keinen ab. Sie nimmt es yodaisch gelassen. Die Mütter haben sich schon vorher das mitgebrachte Rezept angeschaut und abgewunken. Muffins ohne Zucker? Geschmeckt sie haben scheußlich.