Im Familiencafé

Die Elternzeit ist vorbei, der Alltag hat mich wieder. Kurz bevor ich wieder in mein neues altes Leben trete, verpasst mir Schelma noch eine Links-Rechts-Kombination aus einem Magen-Darm-Infekt gefolgt von einer fiesen Erkältung. So schleppe ich mich durch die ersten Arbeitstage und atme durch (sofern noch Luft durch meine Nase kommt), als das Wochenende erreicht ist.

Wir haben es zu einer Tradition gemacht, an jedem Wochenende auf Entdeckungstour durch die Hauptstadt zu gehen. Das ist mal mehr, mal weniger spektakulär, aber manchmal entstehen daraus ziemlich gute Ideen. Das ist auch diesmal der Fall, obwohl am Anfang erstmal der Schock steht.

Als ich nämlich von außen durch das Fenster des Cafés schaue, das wir uns für unseren Samstagsausflug ausgesucht haben, blicke ich direkt in einen Prenzlauer Berg-Albtraum, ein kruder Mix aus Müttern und Latte Macchiatos. Doch wir sind nicht in Prenzlauer, sondern in Schöneberg und beim Eintreten sehe ich sogar Männer. Zugegeben, die haben alle ziemlich dunkle Ringe unter den Augen und einen Blick, der ziemlich leidend aussieht. Aber immerhin.

Auch ich schaue beim Betreten als erstes, wo der Hinterausgang ist. Den gibt es tatsächlich und führt auf einen Hof, der als Parkplatz für die Kinderwagen dient. Doch weiter geht es nicht und meine Fluchtfantasien enden in einer Sackgasse. Wir sind im Familiencafé, auf den ersten Blick ein Kindergarten mit Kaffee und Kuchen und Windeln. Mein Glück, dass ich sowieso nur durch den Mund atmen kann. Wenn man nicht aufpasst, hat man ein Bobbycar zwischen den Beinen oder gabelt sich den baren Fuß auf den Hörnern eines Spielzeugdinosauriers auf.

Es gibt eine Spielecke, in der wir zuerst des Terrain ergründen, mit einer Rutsche, die direkt in eine Bälle-Wanne mündet. Dort setzen wir Schelma ab und bereuen es nur wenige Augenblicke später, als ein Berseker die Rutsche runtersaust und unser Kindchen umnietet. Nachdem Schelmas Schreien nicht mehr so in den Ohren klingelt, streifen wir durch das Lokal und haben Glück. Die Reihen haben sich etwas gelichtet, eine kleine Spielecke direkt am Fenster ist frei.

Wir Erwachsenen kriegen Kaffee und Kuchen und Schelma … fühlt sich wohl. Tatsächlich, sie klettert auf eine Wippe in Raupenform, schnappt sich eine der herumliegenden Puppen, amüsiert sich mit einem umherkullernden Ball. Kommt ein anderes Kind in unsere Nähe, muss man es nur ansprechen, damit es wieder die Fliege macht. Der Kaffee ist gut, der Kuchen schmeckt klasse.

Und langsam reift in unseren Köpfchen eine Geschäftsidee. Warum nicht dasselbe in unserem Viertel machen? Der Bedarf ist da und solange man Latte, Quiche und Kuchen im Angebot hat, sollte der Laden doch von alleine laufen. Einen Namen, auf den ich mein neues Café taufen würde, hätte ich auch schon: Mutterkuchen. Bewerbungen (Stress- und Geräuschresistenz gewünscht) werden ab sofort entgegengenommen.

„Wollen Sie noch mehr Kinder?“

Wir haben es gut. In fußläufig nur 15 Minuten stehen uns gleich mehrere Parks, Grünanlagen und Spielplätze zur Verfügung, in denen Schelma sich Sand über den Kopf schütten, in der Erde wühlen oder Grasbüschel ausreißen kann. Um Abwechslung in den grünen Alltag zu bringen, starten wir jedoch regelmäßig zu Entdeckungstouren über die Kiezgrenzen hinaus. Es sind Ausflüge voller Hürden und Herausforderungen.

Die erste begegnet uns gleich an unserer U-Bahn-Station. In der Regel haben wir hier eine 50:50-Chance, ob der Aufzug funktioniert oder nicht. Ich kann keine Statistiken vorweisen, gefühlt funktioniert er jedenfalls meistens nicht. Immerhin kann Papi dann wieder eine kurze Trainingseinheit einlegen. Ist Papi nicht dabei, hat Mutti übrigens Pech. Sollte wider Erwarten doch einmal jemand seine Hilfe anbieten, spricht er meist gebrochen deutsch und hat einen dunklen Teint. Kein Wunder, woher Schelmas Vorliebe für die schönen dunklen Männer rührt.

Viele sind übrigens nicht nur zu faul zum Helfen, sondern auch zum Gehen. Gegen gebrechliche Omas mit Gehhilfen will ich nichts sagen. Und Fahrräder? Ok, geschenkt. Doch diejenigen, die Aufzüge am häufigsten blockieren, tun dies aus reiner Bequemlichkeit. Am Bahnhof Jungfernheide konnte es eine Dame gar nicht eilig genug haben. Statt sich zumindest hinter den wartenden Kinderwagen anzustellen, drängelte sie gleich nach vorne, als der Aufzug sich öffnete. Ohne Gehhilfe und ohne Fahrrad. Als Entschuldigung kann ich höchstens anführen, dass sie wirkte, als wäre sie irgendwo aus dem betreutem Wohnen ausgebüxt.

Wenn wir zusammen mit einem anderen Kinderwagen mitsamt Eltern eingepresst im Aufzug stehen, werde ich oft auch an mein Auslandssemester als Student erinnert. Damals bestand die wesentliche Konversation aus zwei Kernfragen:

Where are you from?
What do you study?

Als Großstadt-Eltern im Aufzug muss man in der Regel auch nur auf zwei Fragen antworten:

How old is she?
What is her name?

Das zumindest sind noch die angenehmeren Begegnungen. Anders als der Herr, der schon einen gruseligen Eindruck gemacht hätte, ohne mit ihm auf zwei Quadratmetern zusammengepfercht zu sein. Er bleckt die Zähne, zieht sie zu einem breiten Grinsen, leckt sich die Lippen, fragt:

Ist es Mädchen oder Junge?
Wie alt ist sie?

Bis hierhin geht es noch.

Wie heißt sie?

Es geht schon an langsam die Toleranzgrenze.

Wollen Sie noch mehr Kinder?

WHAT.THE.FUCK?!

Manchmal stinken einem nicht nur die Fahrgäste, sondern der Aufzug an sich. Am Bahnhof Zoo riechen sie irgendwie immer nach Pisse. Den Vogel hat aber jemand am Hermannplatz abgeschossen. Der kackte direkt in den Aufzug. Ich will nicht sagen, dass die Berliner S- und U-Bahn-Aufzüge nur von Spinnern und als öffentliche Toilette benutzt werden. Viele sind sauber und funktionieren reibungslos. Komischerweise erwischen wir nur immer die anderen.