Feuerwerk im Kopf

Schelma ist noch ein frisch geschlüpftes Küken, als wir von Mitbürgern am anderen Ende der Lebensskala die ersten Hinweise bekommen. Vögel zwitschern, die Sonne strahlt auf unser Elternglück, als die Seniorin an unserer schattigen Parkbank vorbeikommt. Sie beginnt mit einem „Oohhh“, was sie nicht unsympathisch macht. „Wie alt ist das Kind denn, zwei Wochen?“. „Drei Wochen“, korrigieren wir. Dann verdüstert sich der Blick der Alten. „Und wo hat sie die Mütze?!“, empört sie sich. Es klingt, als würden wir gegen die öffentliche Ordnung verstoßen. „Es sind 30 Grad“, antworten wir den Fakten entsprechend. Sie verzieht das Gesicht, als hätten wir ihr die Windel ins Gesicht geschmissen. Es kommt noch ein schnippisches „Aha, na gut“, dann zieht sie ab, wohl auf direktem Weg zum Jugendamt.

Ich will ihnen nicht Unrecht tun. Die meisten alten Leute tun uns nichts. Im Allgemeinfall geht man aneinander vorbei, im Optimalfall bricht Schelma Herzen. In der S- oder U-Bahn hat sie schon auf so manches angegraute Gesicht ein breites Lächeln gezaubert. Wenn sie ihre Paradedisziplin auspackt – das Lächeln gepaart mit Winke-Winke – schmelzen ganze Bankreihen von Fahrgästen dahin. Wir haben auch nette Nachbarn, die uns für Schelma Plüschtiere geschenkt haben. Der Nachbar in unserer Etage hat sich ehrlich gefreut, dass es wieder Nachwuchs gibt, „denn sonst sterben die Leute in dem Haus nur“.

Als ich eines Tages mit Schelma im Park unterwegs bin, umkurve ich eine Gruppe Spaziergänger, in deren Mitte sich eine ältere Dame befindet. „Ich finde es toll, wie sich die Männer heute um die Kinder kümmern“, höre ich sie in meinem Rücken sagen. „Der Dieter hat das nie gemacht.“ Dieter ist nicht dabei und ich weiß nicht, was er zu seiner Verteidigung vorgebracht hätte. Aber ich fühle mich geschmeichelt.

Lediglich für einen offenen Mund hat die Dame vom Rostocker Bahnhof gesorgt. Wir warten nach einem Wochenend-Ausflug auf unseren Zug, als sie aus der Tiefe auftaucht, neben uns stehen bleibt und feststellt: „Ach, angeleint wie ein Hündchen, wie ein Pferdchen. Was es alles gibt!“ Ich weiß nicht, wie die alte Schindmähre vor 100 Jahren aufgewachsen ist, aber ich will Schelma ungern frei auf dem Bahnsteig herumkrabbeln lassen und schnalle sie im Kinderwagen doch lieber an.

Es gibt auch ältere Mitbürger, von deren Erfahrungen wir gerne profitieren. Berlin-Oma treffen wir auf dem Spielplatz an der Schaukel. Sie ist mit ihrem Enkel gekommen, der einen starken asiatischen Einschlag hat. Wir loben uns gegenseitig für das tolle Haar unserer Sprösslinge (Schelma in strahlendem Rost-Rot, der kleine Asiate schwarz wie Ebenholz), dann ist die Schaukel frei und während sie nebeneinander hin- und herschwingen, kommen wir mit Berlin-Oma ins Gespräch.

Wir erzählen, dass Schelma erst seit kurzem schaukelt, aber dass sie es liebe. „Oh ja, das ist etwas ganz tolles für die Kinder“, sagt Berlin-Oma. „Durch diese Schwingungen bekommen sie ein ganz neues Körpergefühl, das ist wie ein Feuerwerk im Kopf.“ Wir haben keinen Zweifel, dass Berlin-Oma, als sie in den späten 60er, frühen 70er Jahren noch keine Oma war, auch das ein oder andere Feuerwerk im Kopf durchlebte. Und Schelma? Die jauchzt fröhlich in der Schaukel und genießt ihr neues Körpergefühl.