Vom Lernen und anderen Problemfällen

Wir haben es geschafft: Schelma wurde zurückgestellt. Ein Jahr länger Kita also statt Schule ohne Ende. Einfach haben wir uns die Entscheidung nicht gemacht. Wir mussten abwägen. Schelma wäre in der Schule die Kleinste der Kleinen. Die Zurückhaltendste der Zurückhaltenden. Vor allem aber: Nur jetzt können wir noch ziemlich bedenkenlos schwänzen. Und von Pandemien wollen wir gar nicht erst reden. Und immerhin: Hat die Kita nicht zugesichert, Schelma entsprechend ihren Bedürfnissen zu fördern und fit für die Schule zu machen?

In all diesen Gedanken rund um Schelmas Schulvorbereitung erlebe ich einen Flashback. Ich reise zurück in der Zeit. Sehe mich in der Kita stehen. Sehe die Kita-Leiterin, die uns mit der einjährigen Schelma im Schlepptau die Einrichtung zeigt. „Wir arbeiten nach dem Berliner Bildungsprogramm“, höre ich sie erzählen, während sie einen prall gefüllten Aktenordner aus einem Schrank zieht und ihn von Staub und Spinnweben befreit. „Dabei orientieren wir uns eng an den Bedürfnissen der Kinder.“

Nun, Jahre später, als mittlerweile schon erfahrene Elternteile, haben wir die Bedürfnisse der Kinder so langsam durchschaut. Vielleicht, so denken wir daher, richtet sich der Bildungsplan unserer Kita eher nach den Bedürfnissen der Erzieherinnen? Wenn wir Schelma fragen, was sie in der Kita gemacht hat, sagt sie vor allem: Spielen. Wenn wir sie fragten, was sie gelernt hat, sagt sie: Nichts. Ausflüge wurden irgendwann abgeschafft, nachdem sich einige der Kinder zu kindisch benommen hatten. Ein Märchentheaterstück, das jedem Kind zwei Sätze abverlangte, wurde nach dreimonatigen Proben Lockdown-bedingt ausgesetzt. Lieder werden seit der Krippe nicht mehr gesungen.

Dabei will ich den Erzieherinnen gar nicht pauschal unterstellen, nicht fördern und fordern zu wollen. Vielleicht tun sie es einfach nur in einer anderen Weise. Ich erinnere mich an Arthur. Arthur hatte es nicht so mit dem Sprechen. Immer, wenn er es versuchte, klang das wie mhmmpf, mhmmpf, mhmmpf. „Habt ihr den verstanden? Ich hab ihn nicht verstanden, hahahaha“, stellte die Gruppenleiterin dann fest. Arthur hüpfte von einem Bein auf das andere und hielt sich den Schritt. Mhmmpf, mhmmpf, mhmmpf. „Wenn du auf Toilette willst, musst du es schon sagen, hahahaha.“ Irgendwann haben seine Eltern Arthur aus der Kita genommen und woanders untergebracht.

„Lieber in der Schule sitzenbleiben als noch länger in dieser Kita“, stürmte eines Tages eine Mutter aus der Kita und mich beinahe über den Haufen. Auch ihrem Kind wurde eine intensivere Sprachförderung verordnet, die Kita kassierte dafür sogar extra. Man ließ es dabei bewenden, dass ihr Kind mit den anderen in ihren jeweiligen Muttersprachen herumalbern konnten. Das lässt sich später immer noch als „interkulturelle Kompetenzen“ verkaufen.

Nun treibt auch mich Schelmas Karriere um. Irgendwann werden wir uns vor der Schule nicht mehr drücken. Eines Tages also suche ich das Gespräch. Ich hole weit aus, versuche es mit dem großen Kino, schwadroniere vom Lernbedürfnis der Kinder, von ihrem Hunger nach Wissen und Erfahrung. Von Horizonten, die erweitern werden müssen, von Potential, das auszuschöpfen ist, von Schätzen, die zu heben sind. Sie sieht mich an, als würde sie nichts anderes verstehen als mhmmpf, mhmmpf, mhmmpf.

Dann lacht sie mich aus.

Ich versuche gerade, meine Kita-Traumata grafisch zu verarbeiten.

Geburtstage – der Kampf ums Prestige

Schelmas Geburtstag rückt näher. Dabei ist das Trauma ihres vorangegangenen Jahrestages noch immer präsent. Wie schön hatten wir uns das damals vorgestellt. Einträchtig mit Freunden und Kindern im Park, Spielplatz gleich nebenan, Picknickdecke, darauf vegane Muffins, Recycling-Besteck, ein Kindergeburtstag im Zeichen der Freundschaft und Nachhaltigkeit.

Es wurde zu einem Trauma.

Schelma war noch in der Kita, als wir schwer bepackt wie zwei Mulis mit unseren Jutesäcken gen Park aufbrachen, eine Wegstrecke zu Fuß von 20 Minuten. Dass sich die Wolken am Himmel zusammenzogen, maßen wir keine Bedeutung bei. Was kurz danach folgte, war Armageddon. Der Sturzbach des Jahres, die Charlottenburger Sintflut, Schreie, Verzweiflung, Angst. Wirklich erholt von diesem Trauma haben wir uns nie wieder. Und nun erneut, gerade einmal 12 Monate später, viel zu kurz, um all das psychisch aufzuarbeiten, nun schon wieder also: Geburtstag.

Vielleicht hatte ich es einfach verdrängt. Wie man es mit Traumata eben so macht. Doch ich musste bei der Suche nach der geeigneten Geburtstagslocation nur das Wort „Park“ erwähnen, als Schelmas Mama begann, unkontrolliert zu zucken und nur noch das Weiß ihrer Augen zu sehen war. Wo dann? In der Wohnung? Lieber nicht. Wir hatten gerade erst Schelmas ersten Übernachtungsgast beherbergt. Danach hatten die Handwerker anrücken und wir unsere Hausratsversicherung noch einmal anpassen müssen.

Und das war ja beileibe nicht das einzige Problem. In all den Jahrzehnten zwischen der eigenen Kindheit und der des Nachwuchses haben sich die Parameter scheinbar verschoben. Wenn Schelma zu den Geburtstagen ihrer Kita-Freundinnen eingeladen war, ging sie nicht einfach nur zu Feiern, sie ging zu Events. Wir kalkulierten unsere Nerven und unser Budget. Was wäre drin? Eine Meerjungfrauen- und Piratenparty? Hat es schon mal gegeben. Vielleicht ein Helikopterrundflug über Berlin? Das würde die Messlatte für die kommenden Jahre ins Unermessliche steigern. Dann also doch: Kindercafé buchen und versuchen, die Kosten gering zu halten.

In den Tagen zuvor vermesse ich das Territorium, krieche in Büschen umher, suche nach Verstecken für Schnitzeljadgen, analysiere das soziokulturelle Umfeld im Kiez, messe die Ampelphasen, klicke mich seitensweise durch Handlungsanweisungen für Kindergeburtstage. Noch in der Nacht vor dem Geburtstag brüte ich über der Schnitzeljagd, versuche, alle beim Geburtstag vertretenen Nationalitäten und Sprachen zu berücksichtigen – und genauso den Fakt, dass diesmal nicht das Unwetter, sondern der Hitzetag des Jahres angesagt worden ist. Nicht nur deshalb schwitzen wir Wasser. Wird es den Kindern gefallen? Wie wird unser Rating ausfallen? Bekommen wir ein Hashtag wie #boringbirthday und werden zur Schande der Kita-Netzgemeinde?

Springseil? Nein, das ist kein Springseil, das ist eine Schlange, sieht man doch.

Als drei Stunden später alle Kinder von ihren Eltern abgeholt worden sind und ich mich über die letzten Reste Fischstäbchen auf der Geburtstagsplatte hermache, weiß ich: Es ist ja doch nur ein Kindergeburtstag.

Auch heute noch kann man Kinder mit Stiller Post zufriedenstellen. Auch heute noch haben sie Spaß am Eierlaufen. Auch heute noch reicht ihnen ein bisschen Saft, ein paar Pommes und ihre Gesellschaft, um einen Geburtstag zu feiern, von dem jeder müde und zufrieden nach Hause geht. Zumindest das hat sich in all den Jahrzehnten nicht geändert. Nur vielleicht haben sich die Eltern etwas gewandelt.

Grüne Träume

Wir wollen uns vergrößern. Nicht biologisch. Räumlich. Wird schon klappen, denken wir. Kann ja nicht so schwer sein, denken wir. Muss doch möglich sein, etwas zu finden, denken wir. Bezahlbar. In Berlin.

Schon länger bewegen wir uns Richtung Mittelschicht. Zwei Einkommen. Ein Kind. Und zum ersten Mal bei einer Wahl das Kreuz für die Grünen gesetzt. Dass wir bio essen, versteht sich von selbst. Was fehlt nun noch? Klar, eine Eigentumswohnung.

Wir haben gespart. Ganz schön viel sogar. Vielleicht ist es eine tief in meinem Unterbewusstsein vergrabene Angst. Vielleicht auch einfach nur Feigheit. Vielleicht auch nur deutsches Denken. Aber nichts schaudert mir so sehr, wie Schuldner zu sein. Nur die Realität zwingt mich zu Anpassungen.

In diesem Jahr wollen wir unser Langzeitprojekt realisieren. In meiner naiven Denkweise stelle ich mir vor, wie wir ein paar Kataloge durchblättern, 2-3 Besichtigungen durchführen und dann den Deckel draufmachen, zur Sparkasse gehen und unser neues Eigentumswohnungsleben beginnen.

Dort, wo wir herkommen, wäre das von der Realität gar nicht einmal so weit weg gewesen. Ein Haus ab 9.000 Euro, ein Bauernhof ab 30.000 Euro. Mit einer kleinen zusätzlichen Finanzspritze hätten wir uns fast ein kleines Dorf zusammenkaufen können. Aber wir sind ja nun urban und müssen nach den urbanen Regeln spielen.

Die sorgen zumindest dafür, dass wir viel Zeit sparen können. Denn Angebote in unserer finanziellen Gewichtsklasse sind rar. Und dazu noch unsere Extrawünsche: Möglichst mit Balkon, grünes (was sonst?) Umfeld, gute Verkehrsanbindung. Um das Ende der Geschichte vorweg zu nehmen: In fünf Monaten treffen 10 Angebote auf diese Kriterien zu. Fünf davon sind bereits verkauft, bevor wir überhaupt einen Besichtigungstermin vereinbaren können.

Man muss schnell sein, das haben wir gemerkt. In Reinickendorf zum Beispiel. Verlockendes Angebot, auf den ersten Blick eine gepflegte Umgebung, die Wohnung selbst gut geschnitten – wenn man von dem leichten Messie-Charakter absieht, den die angebrochenen Starkbierflaschen hinterlassen. Die Interessenten geben sich beim Makler die Klinke in die Hand. Ein schwules Pärchen schüttelt ihm ausufernd die Hände zum Abschied, als wir eintreffen.

Dann erzählt er uns dieselben Geschichten, die er an diesem Tag 20, 30 Mal erzählt. „Ein Pärchen hat mir sogar Kuchen mitgebracht, total süß“, berichtet er mir und sieht mich, so kommt es mir vor, erwartungsvoll an. Ich krame in der Tasche, kann ihm aber nur ein Kaugummi anbieten. Da habe ich zum ersten Mal die Ahnung, dass das hier und heute nix wird. Zwischendurch wischt er auf seinem Handy rum. „Ha, die denken, die Wohnung gehört ihnen schon“, lacht er. Der Rest seines Satzes geht im Lärm unter. Reinickendorf. Einflugschneise von Tegel. Vielleicht deshalb der gute Preis.

„Gewöhnt man sich denn daran?“ frage ich, um den Smalltalk nicht abbrechen zu lassen.

„Wissen Sie, ich habe ein Penthouse in München, direkt neben einer Schule, aber die Schulklingel nehme ich schon gar nicht mehr wahr.“

Nun weiß ich nicht, ob man eine Schulklingel mit einer Boeing gleichsetzen kann, aber allein das Penthouse in München macht ihn mir unsympathisch. Vor allem, da er nicht viel älter als ich zu sein scheint. Wir verabschieden uns, ohne uns ausufernd die Hände zu schütteln. Vielleicht statt Reinickendorf lieber Steglitz? Soll ja auch schön sein. Und grün.

Tatsächlich spucken unsere Suchabfragen eines Tages ein Angebot aus. Wir wollen clever sein und schauen uns die Lage bei einem Sonntagsausflug schonmal vorab an. Eigentlich nicht schlecht, denken wir. Wenn die Wohnung nicht direkt an der vierspurigen Straße läge. Genauer gesagt: An der Kreuzung, an der sich zwei vierspurige Straße treffen. Im Erdgeschoss. Am nächsten Tag sage ich den Besichtigungstermin ab und bei uns macht sich Resignation breit. Vielleicht doch lieber auswandern? Oder dem Bauernhof auf dem Land eine Chance geben?

Und dann passiert es doch. In unserer Familienchronik nennen wir es fortan das „Wunder von Westend“. Westend, fortan ein Name voller Süße, voller Morgenröte. Wir betreten die Wohnung und wissen: Das ist sie. Schelma schnappt sich den Zollstock des Maklers und vermisst ihr zukünftiges Zimmerchen. Wir blicken vom Balkon auf den Horizont und sehen, wie sich die Flugzeuge in der Ferne gen Erde senken. Über Reinickendorf.

Wir hingegen sind schon angekommen.

Was danach geschah. Deutsche Bürokratie in Hochform. Dabei wollen wir nur eine Wohnung kaufen und kein Schloss mit Nutzungskonzepten und Bauamtgenehmigungen.
Und danach? Lernen wir deutsche Bürokratie in Hochform kennen. Dabei wollen wir nur eine Wohnung kaufen und kein Schloss mit Nutzungskonzepten und Bauamtgenehmigungen.

Die Excel-Eltern

Was bisher geschah: Schelma wächst und gedeiht, erfreut (und erschöpft) uns durch eine rege Fantasie und auch im sozialen Leben entwickelt sie sich und knüpft fleißig Kita-Freundschaften. Alles nimmt also seinen unspektakulären Gang. Zeit also, um Prozesse zu hinterfragen und zu optimieren. Weiterlesen „Die Excel-Eltern“