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Kinder und Medien – ein heikles Thema. Wir meinen, die perfekte Balance gefunden zu haben. Die sagen wir aber nicht zu laut. Man weiß ja nie, ob wir uns dadurch in den Augen der anderen Eltern nicht zu Geächteten machen.

Die Frage nach dem Medienkonsum ist … ambivalent. Jeder tut es, nur tut man sich schwer, darüber zu reden. Die Angst vor der Stigmatisierung ist allgegenwärtig. „Natürlich darf Theodor (Name selbstverständlich geändert) auch mal einen Trickfilm sehen“, erzählt mir eine Mutter im lockeren Smalltalk auf dem Spielplatz. Von einer Sekunde auf die andere aber scheint sie ihren Fehler bemerkt zu haben.

Plötzlich wirkt sie nervös, verhaspelt sich, sie spürt meine Blicke auf sich wie ein Inquisitor, ich sehe den Schweiß auf ihrer Stirn. „A-aber natürlich nur altersgerecht und unter Aufsicht“, stößt sie noch hervor. Dann geben ihre Beine nach und sie verliert das Bewusstsein.

Warum fangen alle an zu zittern, wenn das Thema Medien aufs Tablett kommt?

Altersgerecht und nur unter Aufsicht – so geht moderner Medienkonsum heute.

Wir haben keinen Fernseher. Auch kein Streaming-Abo, kein Netflix, kein Amazon Prime, kein Dazn. Wir können über angesagte Serien nicht mitreden, da wir sowieso nicht wissen, was gerade läuft. Die Dinge, die uns zur Verfügung stehen, holen wir uns bei YouTube und das ist derzeit die deutsche Erlebnispädagogik Grimm’scher Schule mit allerhand Schauer und Schauder, bösen Hexen und Schwiegermüttern. Schelma steht total darauf und bislang deutet nichts in ihrer Psyche darauf hin, worüber wir uns Sorgen machen müssten. Außer, dass sie mir nun immer vergiftete Äpfel anbieten möchte.

Haben wir vielleicht erlaubt, die Märchen zu lange zu schauen?

Aber wie lange ist lang genug?

„Jeden Sonntag für fünf Minuten“, hören wir von einem Elternpaar. „Das ist ja wie reinstecken und gleich wieder rausziehen“, will ich sagen, fange den Satz aber grad noch so ein, bevor sie mir den Mund mit der Faust verschließen.

Womöglich liegt der Grund für die mediale Empfindsamkeit auch im jüngsten Kita-Skandal begründet.

Das ist der Fluch und Segen von Kindern im Alter von etwa 4+: Sie plappern alles aus. Es hat daher nicht lange gedauert, bis der Medienkonsum in der Kita aufs Tablett kam – sehr zum Missfallen der Eltern und der peinlichen Berührtheit der Erzieher. Seitdem versuchen sie es zumindest nicht mehr heimlich zu machen.

„Wir behandeln gerade das Thema Religion und haben uns heute mit den Kindern einen Film über Moses angesehen“, kommt eine Erzieherin gleich proaktiv auf mich zu, als ich Schelma eines märchenhaft düsteren Wintertages aus der Kita abhole. Sie lächelt dabei tapfer. Als ich frage, ob das der alte Schinken mit Burt Lancaster war – ungeschnitten 360 Minuten – erfriert ihr Lächeln wie das der bösen Königin und sie blickt mich an, als wolle sie mich auf der Stelle in einen Baum verhexen.

„Geht der Film denn noch lange? Wir wollen lieber auf den Spielplatz.“
„Wartet auf den Teil, wenn er das Meer spaltet, das ist besser als jeder Wasserspielplatz.“

Empfindlich sind die Eltern aber nicht nur bei dem, was ihre Kinder sehen, sondern auch wer ihre Kinder selbst sieht oder besser gesagt: Auf Film und Foto aufnimmt. Dazu geisterten schon die abstrusesten Geschichten und Beispiele durch die deutsche Presse. Auch bei uns kocht das Thema bei Kita-Festen und -Veranstaltungen immer wieder hoch.

Besonders engagiert ist ein Herr, dem wir den Spitznamen Dr. Datenschutz verpasst haben. Er darf seiner Tochter vielleicht irgendwann einmal erklären, ob sie überhaupt einmal die Kita zusammen mit anderen Kindern besucht hat. Ginge es allein nach den bildlichen und filmischen Dokumentationen, hat es diese Zeit in ihrem Leben nie gegeben. Wenn andere Eltern ihre mobilen Endgeräte zücken, zieht er sein Kind diskret in die toten Winkel der Garderobe zurück.

Vielleicht schafft er es aber auch, seine Kinder mehr zu beeinflussen als Film und Fernsehen und Internet zusammen – und ihnen einzureden, dass die Datenschutzgrundverordnung ein Segen für ihre Kindheit ist, auch wenn sie diese irgendwann nur aus Erzählungen kennen werden.

Aber die können Kinder genauso prägen, behaupte ich jetzt einfach mal, und beiße in den knackigen Apfel, den mir Schelma mit merkwürdig diabolischem Grinsen entgegenreicht.

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