Tigerchen, ich liebe dich

Ein Kind in Schelmas Polnischkurs ist uns schon lange ein Dorn im Auge. Viel mehr stört uns nur seine Mutter. Am Ende stellen wir uns die Frage, wer am ehesten einen Psychiater braucht.

Das Schlimmste am Elternsein sind – andere Eltern. Das Thema bietet genug Stoff für eine eigene Comedy-Show. Bei Schelmas jüngstem Polnischkurs hatte ich den Eindruck, heimlich in die Dreharbeiten eingebunden zu werden. Schon längst nämlich bestehen die allwöchentlichen Treffen nicht mehr nur aus reiner Freude und Glückseligkeit. Der Grund: Damien. Natürlich heißt er in Wirklichkeit anders. Aber Damien heißt das Kind im Horrorklassiker „Das Omen“. Das passt ganz gut.

Damiens Vater ist der Satan. Zumindest verhält er sich so. In Wirklichkeit ist er ein Frühchen gewesen. „Und so ist er auch, er will immer früher sein als andere“, hören wir von seiner Mutter, eine Frau mit dem Temperament von lauwarmem Tee. So nennen wir sie dann auch.

Schon in der ersten Stunde springt Damien auf ihren Beinen herum, reißt an ihren Haaren und kratzt durch ihr Gesicht. Von dem, was die Kursleiterin anbietet, interessiert ihn nicht das Geringste. Stattdessen nuckelt er an seinem Trinkpäckchen und schlägt der Lehrerin auf den Hintern. „Damien, mach das nicht“, flüstert Lauwarmer Tee dann nur, ohne selbst zu glauben, was sie sagt.

So vergehen die Wochen und mit jeder Woche steigt der Frust. Nicht so sehr bei den Kindern. Die können Damien erstaunlich gut ignorieren, wenn er sie nicht gerade skalpieren will. Einmal, als die Kinder sich in einer Schlange aufstellen sollen und er sich an Schelma vorbeidrängeln will, verpasse ich ihm einen Bodycheck, dass er heulend abdreht. Ich wundere mich, wie gut es sich anfühlt.

Angestachelt von meinem Wagemut, fährt nun auch die Kursleiterin in der Folgezeit einen härteren Kurs, ermahnt ihn, ruft ihn zurück, droht, ihn vor die Tür zu setzen. Lauwarmer Tee sitzt derweil in der Ecke wie ein grauer Haufen Staub und starrt auf die Parkettdielen.

Und dann eines Tages passiert es tatsächlich.

Längst überlassen wir die Kinder sich selbst und warten vor der Tür, bis der Kurs vorbei ist. Auf diese Weise haben alle den meisten Spaß. Nur Damien scheint das Spiel nicht zu gefallen, reißt die Türe auf, schlägt sie wieder zu, während Lauwarmer Tee all dem teilnahmslos zusieht. Wer das nicht tut, ist die Kursleiterin und setzt ihn kurzerhand vor der Tür.

Was nun beginnt, ist die Manifestierung des Satans.

Was nun beginnt, ist die Auferstehung Mephistos.

Was nun beginnt, lässt mich endgültig am Verstand anderer Eltern zweifeln.

Damien schreit sich in einen Rausch. Aus den unteren Etagen kommen besorgte Mitarbeiter, die eine Tragödie vermuten. Aus der Ferne höre ich Polizei- und Feuerwehrsirenen. Damien aber versinkt in einer Blutorgie, krallt sich im Fußboden fest. Lauwarmer Tee versucht, ihn in die Arme zu nehmen.

„Tigerchen, beruhige dich“, säuselt sie ihm zu.

„Dumme Mama, dumme Mama“, brüllt er.

„Tigerchen, ich liebe dich“, sagt sie und will ihn mit Küsschen bedecken. Er antwortet, indem er ihr das Gesicht in Fetzen reißt.

20 Minuten später ist Damien mit seinen Kräften am Ende und Lauwarmer Tee sieht aus wie durch den Fleischwolf gedreht. Liebevoll blickt sie auf ihr erschöpftes Kind. „Ach, mein Tigerchen“, seufzt sie und in dem, was von ihrem Gesicht übriggeblieben ist, strahlt die pure Glückseligkeit.

Bis nächste Woche! Ich warte schon auf dich!

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