Warum?

Schelma bringt mich seit einiger Zeit zur Verzweiflung. Es ist nichts, was sie tut. Es ist etwas, was sie sagt. Verstanden fühle ich mich nur, als wir gemeinsam das Buch „Warum?“ von Lindsay Camp und Tony Ross aus dem Jahre 1999 entdecken. Nachfolgend unsere Adaption davon. 

Meistens gebe ich mir Mühe, Schelmas Fragen alle zu erklären.

„Papi, was machen die Leute?“
„Sie fotografieren ihr Essen.“
WARUM?
„Damit sie es auf den sozialen Medien teilen können.“
WARUM?
„Damit die Leute dort das Foto von ihrem Essen kommentieren können.“
WARUM?
„Weil sie dann wissen, ob ihr Essen anderen gefällt.“
WARUM?
WARUM?
WARUM?

Ein Wort – in Endlosschleife. Es passiert andauernd. Es ist das Erste, was sie am Morgen sagt:

„Schelma, du musst aufstehen und dich anziehen.“
WARUM?

Sie sagt es beim Frühstück.

„Schelma, iss bitte dein Müsli.“
WARUM?

Sie sagt es, wenn wir zusammen einkaufen gehen.

„Schelma, wir müssen jetzt bezahlen.“
WARUM?

Sie sagt es, wenn ich ihr eine Geschichte vorlese.

„Vor langer Zeit … WARUM? … war es dunkel … WARUM? … und kalt …. WARUM?“

Und natürlich sagt es Schelma, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen.

„Schelma, Zähne putzen und ab ins Bett.“
„WARUM?“

Meist passiert es in diesen Momenten, dass ich schreiend weglaufe. „Darum, einfach darum“, kreische ich hysterisch und laufe in der Wohnung kreuz und quer die Wände herauf. Schelma schaut mir dann nur verwundert nach, mit fragendem Blick, und ich weiß, dass in diesem Blick nur eine Frage liegt, die sie mir wie einen Pfeil hinterherschießt und mich direkt im Rücken trifft. „Hör bitte auf, ständig ‚Warum‘ zu fragen“, flehe ich sie später an.

WARUM?
„Weil es mich einfach wahnsinnig macht“, breche ich in Tränen aus, verkrieche mich zitternd unter meiner Ecke und presse die Hände gegen die Ohren. Ich weiß nicht, wie lange es noch dauert, bis man mich einweisen muss. Dann aber, an einem Tag auf dem Spielplatz, geschieht etwas Seltsames. Schelma buddelt mich gerade im Sand ein, als ich ihr sage:

„Schelma, wir müssen gleich nach Hause.“
WARUM?
„Weil wir etwas essen müssen.“
WARUM?

Ich komme nicht mehr dazu, die letzte Frage zu beantworten, denn plötzlich verdunkelt sich der Himmel. Erstarrt und staunend blicke ich nach oben. Selbst Schelma bringt kein Wort heraus. Nicht einmal ein „Warum?“. Noch nie haben wir so ein gigantisches Raumschiff gesehen! Es kommt näher und näher und landet schließlich direkt auf dem Parkplatz neben uns.

Alle stehen da und starren, als sich schließlich mit einem Zischen eine Tür öffnet und einige Außerirdische mit großen Köpfen und dünnen Ärmchen und Beinchen heraustrippeln. Besonders freundlich sehen sie nicht aus. Der Anführer brüllt: „WIR SIND GEKOMMEN, UM EUREN PLANETEN ZU ZERSTÖREN!“ Alle Leute beginnen vor Furcht zu zittern.
Na ja. Fast alle.

„Warum?“
Verwirrt blickt der Außerirdische auf Schelma.
„Weil … äh … weil das unsere Beschäftigung ist“, stottert der Anführer.
„Warum?“
„Weil wir sonst nichts zu tun haben?“
„Warum?“

Der Chef der Außerirdischen dreht sich Hilfe und Rat suchend zu seinen Begleitern um. Kurz darauf brechen sie in heftige Diskussionen aus in einer Sprache, die niemand versteht. Schelma und ich und all die anderen sehen zu, wie die Männer miteinander streiten. Es dauert eine ganze Weile. Dann kommt der Anführer zurück zu Lisa.

„Wir haben darüber nachgedacht und sind zu dem Schluss gekommen, dass es andere Beschäftigungen gibt, als Planeten kaputt zu machen. Wir fahren nach Hause und denken noch einmal darüber nach“, sagt er.

Ich sehe, wie Schelma die Lippen bewegen will, haste rasch zu ihr und lege ihr die Hand auf den Mund, bevor das verhängnisvolle Wort entweichen kann. Dann ziehen die Außerirdischen ab und wir winken ihnen nach.

Abends, im Bett, drücke ich Schelma ganz eng an mich. „Ich bin ganz stolz auf dich Schelma“, sage ich. „Hattest du denn heute auf dem Spielplatz bei den Außerirdischen keine Angst?“ Müde schüttelt Schelma mit dem Kopf. Nun bin ich an der Reihe, schaue sie verwundert an und frage:

„Warum?“
Sie schaut mich an, als hätte ich nichts Dümmeres fragen können. Schließlich antwortet sie mir, als wäre ich ein begriffsstutziges Kind: „So ist das nun mal, Papi.“ Und schläft im nächsten Augenblick ein.

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