Eine Welt voll Ungeheuer

Feuerwerke sind dazu da, böse Geister zu vertreiben. Vor diesem Hintergrund kann ich Silvester in diesem Jahr kaum erwarten. Denn in den zurückliegenden Monaten haben sich allerhand Monster bei uns eingenistet.

Die Phantasie eines Kleinkindes ist bemerkenswert. Uns Eltern kommt dabei zunehmend die Rolle eines staunenden Beobachters zu. So wandeln sich ein paar Sträucher auf dem Spielplatz zu einem Urwald, in dem eine Vielzahl von Monstern und Hexen haust. Während die Kinder dann also auf Monsterjagd gehen, haben wir Eltern die Möglichkeit, uns einander auch einmal mit richtigem Namen vorzustellen, Berufs- und Lebensdaten auszutauschen und tatsächlich mal wieder so etwas wie Smalltalk zu führen.

Doch mit den Monstern ist das so eine Sache – es gibt gute und böse, reale und weniger reale. Für Schelma wartet das reale Monster alltäglich in der Kita auf sie. Wir wissen nicht, wann die Abneigung begonnen hat und welche Ursprünge sie hat. Wir wissen nur, in der Kita lauert die schwarze Chimäre, die Schelma noch bis in den Schlaf verfolgt.

Es würde uns als Eltern sicherlich keine Pluspunkte einbringen, wenn wir hier mit Klarnamen operieren, deswegen nennen wir sie *Sternchen. Schelma ist *Sternchen in herzlicher Abneigung verbunden. Wie das eben so ist im Leben, man trifft sich, man mag sich, oder eben nicht, man ist sich eher gleichgültig oder eben gegenseitig suspekt. Wir als Eltern sind auch nicht gerade Anhänger von *Sternchen, dafür ist *Sternchen einfach zu laut. Wären wir Kinder, würden wir wahrscheinlich auch ständig heulen bei ihr.

dav

*Sternchen – allegorische Darstellung

Schelma hat das schon ein paar Mal durch. Was tatsächlich geschehen ist, lässt sich immer schwer rekonstruieren, denn Fakten und Fiktion vermischen sich, unabhängige Beobachter fehlen. Das, was geschehen ist, wird immer etwas blumig als „Vorfall“ bezeichnet. Einig ist man sich immerhin über den Fakt, dass Schelma auf *Sternchen mit einer geradezu pathologischen Empfindsamkeit reagiert. Bei einem dieser „Vorfälle“ kämpfte Schelma gerade mit ihrem Rock, als *Sternchen zu ihr kam und ihr beim Anziehen helfen wollte. Schelmas Reaktion: Hysterisches Schreien und die Feststellung:

*Sternchen ist böse!!

Wenn wir Schelma Glauben schenken, ist *Sternchen aber noch viel mehr und beginnt, uns auch Angst zu machen, denn:
– „*Sternchen kommt zu uns und macht unsere Weihnachtsdekoration kaputt.“
– „*Sternchen kommt zu uns und macht unsere Schuhe kaputt.“
– „*Sternchen kommt zu uns und dann isst sie unsere Haare und unsere Augen und unseren Mund.“

Am nächsten Tag stelle ich sie zur Rede: „*Sternchen, wirst du wirklich zu uns kommen, alles kaputt machen und unsere Haare und unsere Augen und unseren Mund essen?“ *Sternchen, erfahrene Pädagogin, nimmt die Vorwürfe sachlich auf und versucht, Lösungsvorschläge anzubieten. Dazu zählt ein individuelles Krisengespräch mit Schelma unter vier Augen bei Kuchen und Eis. Das habe sie früher auch schon immer so praktiziert.

In mir mehren sich aber die Zweifel. Wird es am Ende nicht darauf hinauslaufen, dass *Sternchen mein Töchterchen verschlingt wie einst Saturn seine Kinder? Heimlich mache ich mich nach dem Gespräch auf den Weg in die Einkaufsstraße, um mein Monatsgehalt in Feuerwerkskörper anzulegen.

Man muss an Monster und Ungeheuer ja nicht glauben. Aber es kann ja nicht schaden, vorbereitet zu sein, bevor sie an der Tür klingeln und unsere Gesichter fressen.

Goyasaturn

Düstere Legende: *Sternchen und Kind beim „Versöhnungsgespräch“

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