Die Excel-Eltern

Was bisher geschah: Schelma wächst und gedeiht, erfreut (und erschöpft) uns durch eine rege Fantasie und auch im sozialen Leben entwickelt sie sich und knüpft fleißig Kita-Freundschaften. Alles nimmt also seinen unspektakulären Gang. Zeit also, um Prozesse zu hinterfragen und zu optimieren.

Stillstand ist der Feind jeder Innovation. Es gibt auf der Arbeit einen Kollegen, den nennen wir einfach den Excel-Johnny. Johnnys Spleen erklärt sich aus seinem Spitznamen. Wenn schon nichts passiert und die Arbeit in Normalität versinkt, schlägt Johnny mit einer neuen Excel-Tabelle auf, die alles besser, transparenter, nachvollziehbarer, optimierter und optimaler machen soll. Meist geht uns Excel-Johnny damit ziemlich auf den Sack und wir lassen es über uns ergehen, ohne dem mehr Beachtung zu schenken als notwendig.

Doch scheinbar dringen Excel-Tabellen nun auch schon in die kleinste ökonomische Einheit vor – die Familie. Unlängst stieß ich auf ein Interview in einer Frauen-Sonderausgabe des SPIEGEL. Das Vorzeige-Ehepaar Prinz* (* In ihrem Sinne hoffe ich, dass die Namen von der Reaktion verändert worden sind) führt ein Vorzeigeleben mit vorzeigbaren Jobs – sie Psychologische Psychotherapeutin, er forschender Ingenieur an einer Universität – und einem vorzeigbaren Kind, dem bald ein zweites folgen soll. Mein Problem mit den beiden: Es müssen Roboter sein.

„Wer kocht? Wer saugt? Steht alles in Excel“, lautet der Titel des Interviews, das das Ehepaar Prinz nach der Einstiegsfrage der Reporterin ausschließlich mit sich selbst führt und dabei die Schwierigkeiten eines jungen Paares darlegt, möglichst gleichberechtigt zu leben. Denn bei anderen Paaren, so erzählen sie in ihrem Paar-Dialog, hätten sie beobachtet, wie diese nach der Geburt ihres ersten Kindes in die Falle getappt sind und sich andauernd gegenseitig vorgerechnet haben, wie viel Zeit der eine oder andere in Hausarbeit und Kinderbetreuung investiert. Das Muster-Ehepaar Prinz hat diese Probleme mit einer einfachen Excel-Tabelle gelöst.

Nun ist mein erster Gedanke: Wer hat sich eigentlich um das Kind gekümmert in der Zeit, in der sie ausrechneten, wer wie oft kocht (50:50), die Wäsche faltet (45 Minuten vs. 20 Minuten), staubsaugt oder mit dem Sohn auf den Spielplatz geht? Immerhin hat die Kalkulation ergeben: Es geht ziemlich gerecht zu beim Ehepaar Prinz.

Besonders ein Aspekt aber bündelt meine Aufmerksamkeit. Frau Prinz nämlich verbringt zwei Stunden am Nachmittag mit ihrem Sohn. Auch das sei Arbeit, noch dazu unbezahlt, und deshalb überweist Herr Prinz seiner Gemahlin von seinem Gehalt jeden Monat Geld, um die Einbußen auszugleichen. Das wäre doch was, schießt es mir durch den Kopf.

„Schatz, magst du mal das Interview anschauen?“, flöte ich Frauchen eines Abends zu, nachdem sie das Essen zubereitet und fertig abgespült hat.
„Wat für’n Interju?“, bellt sie aus der Küche zurück, wo sie gerade den Kuchen für den nächsten Tag zubereitet.
„Ich verbringe jeden Nachmittag zwei Stunden mit Schelma auf dem Spielplatz und möchte gerne, dass du mir diese Gehaltseinbußen ersetzt.“

Scheppern in der Küche.

„Davon würdest du doch eh nur saufen gehen“, kommt schließlich die Antwort.
„Ich bevorzuge den Audruck ‚Recreation des Gemüths‘“, keife ich zurück und klappe im nächsten Moment den Laptop auf. Im Stile meines Arbeitskollegen Excel-Johnny erstelle ich eine Tabelle, die meine Forderungen untermauern soll.

„Siehst du, jeden Tag Spielplatz“, argumentiere ich.

Mit zusammengekniffenen Augen fliegt sie über die Tabelle. „Du hast die Wäsche bei mir vergessen“, knurrt sie schließlich. Dann deutet ihre teigverschmierte Hand an meiner Excel vorbei auf eine Stelle des Interviews, zu dem ich bislang noch nicht vorgedrungen war. „Und den Teil hast du auch schon gelesen?“
„Natürlich möchte ich mich nicht von dir trennen, aber die Statistiken sprechen nun einmal eine eigene Sprache“, lese ich nun laut vor. Worte aus dem Mund von Frau Prinz, die, so scheint mir, die treibende Kraft in dieser Excel-Geschichte ist.

Als Psychologische Psychotherapeutin weiß sie selbstverständlich, dass das mit ihrem Vater zusammenhängt, der als Ingenieur oft im Ausland arbeitete, während sich die Mutter um die Erziehung der Kinder kümmerte. Da haben wir also den Komplex: Abwesender Vater, Aufmerksamkeit, Selbstbestätigung – auch ohne Psychologiestudium glaube ich zu verstehen, wo bei der Frau der Hase im Pfeffer liegt.

Herr Prinz wiederum leidet unter dem Druck, den die klassische Rollenverteilung einem Mann aufbürdet. Der arme Kerl. Ich fühle mich ihm sofort verbunden. Später am Abend, nachdem Schelma von ihrer Mama gebadet, ins Bett gebracht und mit einer Gutenachtgeschichte versorgt worden ist, setze ich mich noch einmal erschöpft von den Emotionen des Tages an den Schreibtisch und schreibe ihm einen Brief. Nein, besser, eine Excel-Tabelle.

Männer wie Herr Prinz und ich, im selben Alter und von den selben sozialen Erwartungen erschlagen, brauchen Ordnung und Struktur im Leben, um im Alltag rund um die Uhr funktionieren zu können. Männer wie er und ich sollten zusammenhalten und sich austauschen, bevor wir unter dem Druck der modernen Zeiten zerbrechen. Am besten auf dem Spielplatz. Oder noch besser: Bei einer gemeinsamen … Recreation des Gemüths.

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