Sommerplagen

Wir haben schon von der Wespenplage gehört und treffen sie auf jedem Spielplatz an. Was wir nicht wussten: Auch die Akten-Nazis schwirren dieser Tage wieder vermehrt aus.

Schelma ist drei Jahre alt und verabschiedet sich endgültig von den Babygewohnheiten – der Schnuller ist schon lange weg und auch die Windeln liegen nur noch pro forma im Schrank. Selbst den Kinderwagen lassen wir zuweilen zu Hause und gehen mit Schelma auf Wanderschaft. Zuletzt führte unser Weg von den Ausläufern Berlins durch den Park Babelsberg nach Potsdam. Eine der ersten Stationen: Klein Glienicke.

Dort passierten wir den Bürgershof – zu einer Zeit, zu der ein Wanderbierchen durchaus zu vertreten wäre. Etwas enttäuscht lesen wir jedoch im Aushang, dass der Bürgershof bis auf Weiteres geschlossen bleibt. Man danke es der Bürokratie. Ohne eine behutsame Umgestaltung der Außenanlagen des Bürgershofes sei der Biergarten nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben gewesen, heißt es.

Dazu gehörte etwa die Anpflanzung von zwei Baumalleen mit Kugelrobinien und Kugelahorn-Bäumen. Die aber, so die Spielverderber vom Dienst, würden die Sichtachse auf Schweizer-Häuser beeinträchtigen. Nun könnte man auch fragen: Wen interessiert es, Schweizer-Häuser anzugucken? Zudem dürfen in den Außenanlagen nur Spielgeräte in „gedeckten, naturnahen Farbtönen“ verwendet werden; die bei den Kindern beliebten andersfarbigen Wipptiere können nicht mehr benutzt werden.

Na gut, denken wir, so sind sie halt, die Akten-Nazis. Gut nur, dass wir mit ihnen nichts zu tun haben. In diesem Glauben verbringen wir den Tag – bis wir am Abend abgekämpft nach Hause kommen und einen Blick in den Briefkasten werfen. Ich reiße misstrauisch den Briefumschlag auf und lese: „Erinnerung an die U7a für Ihr Kind Schelma.“

Ist das Big Brother, oder was? Sie, also die Absenderinstitution, sammele die Daten zu den Teilnahmen an den Früherkennungsuntersuchungen zentral für Berlin und habe bisher leider noch keine Meldung dazu bekommen. Aber man gibt sich kulant, denn „wir wissen, mit Kleinkindern geht ja das ein oder andere doch mal unter“.

Moment mal!

Bei uns geht gar nichts unter!

Wir sind ein top organisierter, international ausgerichteter Haushalt, der im Juli seine Pflicht erfüllt und Schelma für den 11. September zur U7a angemeldet hat. Zeit haben wir dafür bis Ende September. Nun könnten wir uns zurücklehnen und bildungsbürgerlich sagen: Quod erat demonstrandum, würde nicht die Schlusssentenz bitter aufstoßen: „Wenn bis zum 08.09.2018 keine Teilnahmebescheinigung von Ihrem Kinder- und Jugendarzt vorliegt, sind wir verpflichtet, dass Gesundheitsamt Ihres Bezirkes zu informieren.“

Eine Drohung mit amtlichem Stempel ist immer die beste Art, um einen den Tag zu verderben. Was ich zu diesem Zeitpunkt in meinem angepissten Zustand noch nicht wissen kann: Am nächsten Tag geht es weiter.

Diesmal trägt der Briefkopf das blaue Logo von Schelmas Versicherung. Und auch sie unterliegt scheinbar fremden Mächten und ist verpflichtet, ihre Fragetentakeln nach uns bzw. Schelma auszustrecken. Ich beantworte sie genüsslich mit fetten roten Strichen an den Stellen, an dem nach „Schule/Studium/Dienste“ gefragt wird.

Beim Themenpunkt „Einkommen von Schelma“ gehe ich konzentriert alle Optionen durch (geringfügige Beschäftigung/Minijob, mehr als geringfügige Beschäftigung, selbstständige Tätigkeit, sonstiges Einkommen (z.B. Einkünfte aus Vermietung oder Kapitalvermögen). Ich tendiere erst – schließlich sind wir Schnuller und Windel los und Schelma auf dem Weg zu einem richtigen kleinen Mädchen – zu „selbstständiger Tätigkeit“, bleibe aber meiner alten Linie treu und antworte mit einem dicken, fetten, roten Strich.

Kurz überlege ich, ebenfalls ein amtliches Schreiben aufzusetzen und meinerseits Forderungen zu stellen: Sorgt mal dafür, dass unsere Spielplätze nicht vermüllt sind, sorgt mal dafür, dass die Spielgeräte nicht auseinanderfallen und schafft ein paar neue an, in „gedeckten, naturnahen Farbtönen“, bitteschön! Und dann ergreift mich die Wut und ich denke an die Drecksäcke, die in unsere Kita einbrechen und Kameras klauen und an die Vollpfosten, die wenige Tage später die Blumen aus dem Blumenbeet der Kita mitgehen lassen.

Und dann erinnere ich mich an ein Interview mit einem Schauspieler, der ein einfaches Erziehungsprinzip verfolgt: „Egal, was meine Kinder für einen Weg einschlagen, Hauptsache, sie werden keine Arschlöcher.“

Und ein Akten-Nazi muss es auch nicht unbedingt sein.

Manchmal ist Emigration die beste Lösung.
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Ein Kommentar zu “Sommerplagen

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