Waka waka (This time for Africa)

Betrachten wir es philosophisch. Bei einer Reise erweitern wir nicht nur unseren eigenen, sondern auch den Horizont unseres Kindes, bringen ihm Selbstbewusstsein bei und zeigen ihm, dass die Welt nicht auf dem Weg zur und von der Kita endet. Den Blick über den Tellerrand haben wir diesmal ziemlich weit geworfen – bis ans Ende Afrikas.

Eines fällt bei Reisen bislang immer auf: Im Vergleich zu den Flughäfen anderer europäischer Hauptstädte sind die Berliner ziemlicher Schrott. Nostalgisch denken wir etwa an Porto zurück, wo wir den Wickelraum mit Mikrowelle und klassischer Musik am liebsten gar nicht mehr verlassen hätten. Auf die Bestenliste hat es auf Anhieb auch London Heathrow geschafft. Ein kostenloser Spielbereich mit Aufsicht hat die mehrstündige Wartezeit vor dem 12-Stunden-Nachtflug nach Kapstadt auf einen Wimpernschlag verkürzt.

Hello, Cape Town!

Und dann – nach einer Nacht, die Schelma mit Schlafen verbracht hat und ich mit Filmeschauen – sind wir da und haben einen Realität gewordenen Bildband vor der Haustür: Tafelberg, Robben Island, Kap der guten Hoffnung, Boulders Beach mit den Pinguinen, Chapman’s Peak Drive – all jene Ziele, von denen ich auf den Eltern-Reise-Blogs gelesen habe; alles tolle Motive, um seine Facebook-Profilbilder mal wieder aufzufrischen. Mittlerweile sollen ja immer mehr Menschen ihre Urlaubsorte nach deren Social-Media-Tauglichkeit auswählen.

Wo man Tradition schmecken kann: Weingut Constantia

Schelma ist das ziemlich schnuppe. Ihr Radar schlägt in erster Linie bei Spielplätzen an. Ihre Schwächephasen korrelieren auch bestens mit unseren Ausflügen. Als wir uns mit dem Bus auf das historische Weingut Constantia bringen lassen, nickt sie just zur rechten Zeit ein. Während ihre Eltern sich in Stimmung trinken, träumt sie süß von fliegenden Zebras.

Oder war es doch ein Wein zu viel?

Was ich in diesen Tagen aber vor allem bemerke ist, wie Schelmas Selbstbewusstsein mit jedem Tag wächst und sie zu einer Schulter wird, an die ich mich auch an den Tagen des unvermeidlichen Tiefs einer Urlaubsreise anlehnen kann.

Mein Tief fällt auf einen Montag.

Wir stehen im Terminal und warten auf die Fähre, die uns nach Robben Island bringen soll, dem einstigen Gefängnisort Nelson Mandelas. Um Zeit zu sparen, stellen wir uns direkt in eine selbst erschaffene Extra-Schlange für alle, die mit Rädern unterwegs sind. Vor uns steht nur eine Gruppe Senioren, die sich – um eine geistig apathische Frau im Rollstuhl versammelt – angeregt unterhalten. Als der Frau Speichel das Kinn herunterläuft, steckt ihr einer ihrer Begleiter ein zusammengeknülltes Taschentuch in den Mund, als wolle er das Loch in einem Rohr stopfen.

„Es kann häufiger mal zu Verspätungen bei den Fähren kommen“, habe ich vorher im Reiseführer gelassen. Aus dem „kann“ wird ein Fakt, schließlich sitzen wir aber doch im Bauch unseres Ausflugsdampfers und tuckern los.

Vom Festland aus gesehen wirkt Robben Island nicht weit weg, fast in Schwimmreichweite. Doch das Auge trügt und der Magen muss es ausbaden. Mit jeder Welle, die wir auf der fast einstündigen Fahrt brechen, weicht die Farbe ein Stück weit aus meinem Gesicht. Ich habe schon die Augen geschlossen, um mich nur auf meine Atmung zu konzentrieren. Zum Glück sieht man das hinter der Sonnenbrille nicht. Da spüre ich plötzlich eine Hand auf meinem Arm.

„Keine Angst, Papi, das ist ein gutes Boot“, spricht mir Schelma Mut zu. Ich schlucke mühsam und zwinge mir ein Lächeln ab.

Seitdem ist Schelma mein Fels in der Brandung.

Robben Island: Nur noch ein Schatten meiner selbst.

In den kommenden Tagen denke ich immer wieder daran, wie schreckhaft Schelma vor nicht allzu langer Zeit noch gewesen ist. Sah sie auf dem Spielplatz einen Marienkäfer, führte dies zu regelrechten Panikattacken. Nun hält sie anderntags meine schweißnasse Hand in der sich um die eigene Achse drehenden Gondel, die uns Stück für Stück über einen Abgrund trägt und auf den Tafelberg bringt.

„Keine Angst, Papi, das ist eine gute Gondel.“

Ich weiß immerhin, dass sie aus Schweizer Produktion ist, also will ich Schelma gerne glauben und halte mich doch noch enger an ihr fest.

Nach dem Robben Island-Ausflug ist mein Verhältnis zu Wasser etwas getrübt. Schelma spürt das sofort. Als wir uns am malerischen Strand der Camps Bay zu Fuße der Bergkette der 12 Apostel vom Großstadt-Dschungel erholen, nimmt sie mich bei der Hand und führt mich zum Wasser. Instinktiv weiß sie, was in mir vorgeht.

„Keine Angst, Papi, das ist ein guter Ozean“, sagt sie.

Alles wird gut.

Auf dem Höhepunkt unserer Reise mieten wir uns ein Auto und machen uns auf zum Boulders Beach, Ort der berühmten Pinguin-Kolonie. Die sind so süß, da kommt nicht einmal Schelma auf die Idee zu sagen, ich solle keine Angst haben. Als wir ihr danach einen Plüsch-Pinguin kaufen, ist sie völlig aus dem Häuschen.

Danach geht’s zum obligatorischen Fototermin am Kap der guten Hoffnung und schließlich zu Cape Point, das östliche Ende der Kap-Halbinsel. Während wir hoch zum Leuchtturm kraxeln, sammelt Schelma Steinchen und drückt sie mir in die Hand.

„Keine Angst, Papi, das sind nur Steinchen.“

Ich betrachte eines der Steinchen in meiner Hand.

Aber es ist kein Stein.

Es ist Pavian-Scheiße.

Und in diesem Moment fällt mir zum ersten Mal ein Problem auf, an das wir uns in den Tagen zuvor recht unproblematisch angepasst hatten: die Wasserknappheit am Kap. Zwar hängt in der Dusche unserer Unterkunft eine Sanduhr mit dem Hinweis, nicht länger als zwei Minuten zu duschen; zwar hängt neben der Toilette ein Zettel mit der Bitte, nur zu spülen, wenn es notwendig ist; zwar haben wir schon bei mehreren Ausflugszielen erlebt, dass die Wasserhähne in den Toiletten abgedreht wurden – doch nichts davon hat unseren Urlaub negativ beeinflusst.

Aber nun, da ich eigentlich nur ein bisschen Affenkacke von meinen Händen waschen möchte, wäre etwas Wasser nicht schlecht.

Doch spätestens, als meine besudelten Hände wieder um das Lenkrad greifen und wir in der Abendsonne auf der neun Kilometer langen Küstenstraße Chapman’s Peak Drive gen Kapstadt fahren, ist alles vergessen.

Schelma unterhält sich auf dem Rücksitz angeregt mit ihrem neuen Plüsch-Pinguin, Frauchen neben ihr singt euphorisch Shakiras Waka waka (This time for Africa) und ich hänge meinen Gedanken nach und sinniere vor mich hin: Man macht sich vor einer Reise so einen Kopf und das so völlig unbegründet.

Das Kindchen wird schon für alles sorgen.

Eine Straße zum Träumen – wenn man nicht auf die Kurven achten müsste.
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