Die Schweinchen-Phase

Schelmas Zeit des Siechens und Leidens geht zu Ende. Nun wundern wir uns über neue Facetten ihrer Persönlichkeit.

Eigentlich dachten wir schon, es wird überhaupt kein Ende mehr nehmen. Seit Mitte Dezember kränkelt Schelma vor sich hin. In den Wochen seitdem hat sie sich vom Husten (ständig) über Bronchitis (dreimal) bis hin zur Lungenentzündung heraufgearbeitet. Dumm nur, dass man zwischendurch auch irgendwann mal Geld verdienen und arbeiten muss.

Glücklicherweise kann Papi seine Moneten in erster Linie aus dem Homeoffice heraus verdienen, was die Dinge schon einmal erheblich erleichtert. Und ehrlich gesagt, habe ich mich durchaus an diese Vater-Tochter-Tage gewöhnt. Wenn Schelma und ihre Mama nämlich aus den Betten kriechen, habe ich den Großteil meines täglichen Arbeitspensums bereits hinter mir.

Normalerweise folgt dann der einstündige Wahnsinn aus Frühstücken, Zähneputzen, Kämmen, Anziehen und zur Kita bringen. Während Schelmas Krankheitsperiode können wir die strenge Abfolge jedoch flexibilisieren. Und wenn die Mama aus dem Haus ist, haben wir sowieso Narrenfreiheit.

Da ich trotz aller Spiellaune dennoch in regelmäßigem Abstand ein Auge auf die E-Mail-Postfächer haben sollte (um dann festzustellen, dass wirklich mal jemand geschrieben hat und dann auch noch etwas will), haben wir uns in väterlich-töchterlicher Eintracht einen Deal ausgedacht: Schelma kriegt einen Trickfilm, im Gegenzug bekomme ich eine Stunde der Ruhe und Konzentration.

Das hat schnell zur Folge, dass sie nach einigen Tagen mein Tablet besser zu handhaben weiß als ich selbst und ich nun zum ersten Mal verstehe, was hinter dem Begriff Digital Native steckt. Eigentlich habe ich mich ja selbst noch halbwegs zu dieser Kategorie hinzugerechnet. Wenn ich nun sehe, wie ihre Fingerchen über das Display wischen, komme ich mir unvermittelt so hoffnungslos analog vor.

Ganz der fürsorgliche Papi, lasse ich sie also eine Folge Peppa Wutz nach der anderen sehen. Wir sehen dann also Peppa Wutz auf Deutsch, wir sehen noch viel häufer Świnka Peppa auf Polnisch und für einige Folgen sind wir sogar bei der finnischen Pipsa Possu gelandet. Bei insgesamt 260 Folgen der Serie ist es jedenfalls nie langweilig. Nur kann ich nicht ahnen, wie sehr sich das Gesehene in Schelmas Kopf einbrennen wird.

Fluch und Segen: Peppa Wutz alias Świnka Peppa alias Pipsa Possu alias …

Es beginnt – wie alle dramatischen Ereignisse – zunächst harmlos. Wenn ich Schelma etwas frage, antwortet sie mir plötzlich mit einem Grunzen. Was ich als Ausrutscher betrachte, setzt sich jedoch im Alltag weiter fort. Plötzlich redet sie uns mit „Papa Schwein“ und „Mama Schwein“ an. Ihre sprachlichen Fortschritte sowohl auf Deutsch als auch auf Polnisch scheinen plötzlich auf Stillstand zu stehen. Im Polnischkurs für Kinder nehmen wir die Tiere durch. Was macht die Kuh? Schelma grunzt. Wie macht das Schaf? Schelma grunzt. Wie klingt der Hund? Schelma grunzt.

Schließlich bleiben Schelmas Anwandlungen nach ihrer (körperlichen) Gesundung und ihrer Rückkehr in die Kita auch dort nicht verborgen. „Sie hat grad die Schweinchenphase“, attestiert uns schließlich Schelmas Lieblingserzieherin Minh-Khai. Lange habe ich es befürchtet, doch die Diagnose so schonungslos ins Gesicht gesagt zu bekommen, zieht mir den Boden unter den Füßen weg.

Schelma quittiert das alles nur mit einem teilnahmslosen Grunzen.

Während ich sie, immer noch vollkommen neben mir stehend, fassungslos und wie in Trance, in der Garderobe anziehe, kommt ein weiterer Vater hinzu. Ich bemerke ihn gar nicht, sondern höre nur Schelmas quengeliges Quieken und Grunzen.

„Hey“, raunt er mir zu.

Irgendwas in seiner Stimme kommt mir seltsam vor.

„Hey, du“, wiederholt er noch einmal und in den Augenwinkeln sehe ich, wie er sich den Kopf kratzt und etwas zu seinem Mund führt. Ich drehe meinen Kopf zu ihm hin genau in dem Augenblick, in dem eine halbe Banane in einem Stück in seinem Mund verschwindet.

„Nimm es locker“, versucht er mich zu trösten, und wieder höre ich das seltsame Geräusch. Nun kann ich es identifizieren. Es sind Affenlaute.

„Was … ich verstehe nicht…“, blicke ich ihn nur stotternd und verwirrt an.

„Es ist nur eine Phase, Kumpel“, versucht er mich zu beruhigen. „Wir machen gerade dasselbe durch.“

Er streckt mir seine haarige Hand entgegen, während er sich mit der anderen hinter seinen auffallend großen Ohren kratzt: „Ich bin übrigens Papa Affe. Mama Affe kommt auch gleich. Wir holen unseren kleinen Schimpasen ab.“

Ungläubig, aber dankbar, in diesen schweren Tagen und Wochen vom Schicksal nicht allein gelassen worden zu sein und jemanden getroffen zu haben, der mich versteht, nehme ich ergriffen seine Hand und stelle mich vor.

Mit einem Grunzen.

Oink, oink. Schöne Grüße!
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