Großstadt-Krankheiten

Eigentlich ist es ja ein Witz: In der Hauptstadt des reichsten Landes Europas nehmen Krankenhäuser keine Schwangeren mehr auf und Kinderärzte keine neuen Patienten. Wenn man selbst betroffen ist, lacht man weniger.

Unseren Hausarzt nennen wir „Dr. Wasser“. Unabhängig davon, mit welchem Leiden wir zu ihm kommen, hält er immer einen Rat parat: „Trinken Sie viel Wasser.“ Wir könnten ihm eine ganze Reihe an Medikamenten aufzählen, die wir zur Linderung gebrauchen könnten, sein Blick bleibt hart und sein Rat der immergleiche: „Viel trinken.“ Es scheint eine deutsche Eigenart zu sein, Leiden sich am besten von selbst heilen zu lassen.

Nun können wir von Glück sagen, dass wir gesundheitlich im Moment gut drauf sind. Im Gegensatz zu Schelma. Für sie beginnt das Jahr, wie das alte aufgehört hat: Husten, Infekte. Als wir Mitte Dezember zum ersten Mal bei unserer Kinderärztin vorstellig werden, wird Schelma von Hustenanfällen geschüttelt, als hätte sie in einem früheren Leben bis zum Exodus geraucht. Wir befürchten Bronchitis oder Lungenentzündung – letztendlich kriegen wir einen Hustensaft verschrieben. Immerhin: Als wir eine Woche später zurückkehren, ist Schelmas Husten soweit verschwunden. Dafür hat sie ein Infekt niedergestreckt. Das Heilmittel gemäß Kinderärztin: „Das wird die Natur regeln.“

Die Natur regelt es tatsächlich. Nach dem Weihnachtsessen in der Kita bekommt Schelma dann zwar auch noch einen hübschen Durchfall auf die Krankheitsliste, aber so, wie ich das leidende Gesicht des Erziehers beim Abholen in der Kita deute, ist sie nicht die einzige. Immerhin vergehen die Weihnachtsfeiertage in Polen ohne neuerliche Katastrophen.

Dachten wir zumindest.

Kurz vor der Rückkehr nach Deutschland kehren über Nacht die Hustenanfälle zurück, weit weniger schlimm als zwei Wochen vorher, immerhin aber besorgniserregend genug, um zur Notfallbereitschaft zu gehen. Dort stellt die Kinderärztin schockiert fest: „Bronchitis. Reif fürs Krankenhaus.“

Um das kommen wir zwar noch einmal herum, aber Schelmas Mama kann ich nach unserer Rückkehr nun nicht mehr alleine zu unserer Berliner Kinderärztin lassen. Denn wenn sie Schelma falsch oder ungerecht behandelt fühlt, sinkt ihr Toleranzlevel mal ganz schnell tiefer als das Tote Meer. „Meine Tochter hat Bronchitis und die Schlange verschreibt ihr Hustensaft. Wenn du nicht mitkommst, kann ich für nichts garantieren.“

Tapferer Patient

Beim nächsten Arztbesuch übernehme ich das Reden, während Frauchen die Ärztin mit ihren Blicken niedermetzelt. Schließlich kommt auch diese zu dem Schluss: „Oh ja, Bronchitis.“ Immerhin werden wir diesmal mit einem richtigen Medikament in der Tasche nach Hause geschickt. Dumm nur, dass es nicht lange anhält.

Diesmal sucht sich Schelma den Besuch bei den Großeltern in Thüringen aus, um einen neuen Notfallarzt kennenzulernen. Auch der stellt Bronchitis fest. Auch der ist kurz davor, sie ins Krankenhaus zu schicken. Auf jeden Fall mahnt er eine baldige Kontrolle an, sollte sich der Zustand nicht bessern.  Als wir am Abend in Berlin ankommen, schafft es dieser Arzt sogar noch aus der Ferne, uns sprachlos zu machen. Er ruft nämlich an und fragt, wie es uns und vor allem Schelma geht.

Da ich mittlerweile auch an der Urteilskraft unserer Berliner Kinderärztin zweifle, versuche ich gleich nach unserer Rückkehr, die Praxis zu wechseln. Da das Telefon über zwei Stunden dauerbesetzt ist, suche ich die Praxis schließlich persönlich auf, wo mich ein überfüllter Empfangsraum voller heulender, klagender Kinder und entnervter Mütter empfängt.

Die Sprechstundenhilfe sehe ich zum ersten Mal nach 10 Minuten eine Treppe herunterhasten. Aber sie ist freundlich und hilfsbereit, zumindest bis zu der Frage: „Ist Ihre Tochter schon Patientin bei uns?“ Das kann ich nur verneinen, worauf sie mich ansieht, als hätte sie in eine faule Frucht gebissen. „Wir können leider erst im Frühjahr wieder neue Patienten aufnehmen“, bedauert sie. Geschlagen räume ich das Feld.

Am nächsten Morgen machen wir uns schließlich auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Husten hat nachgelassen, aber Schelma atmet immer noch wie ein alter Lkw. Ein strebsamer Medizinstudent untersucht Schelma nach allen Regeln der Kunst, auch seine Vorgesetzte nimmt sich ihr schließlich an. Von der Bronchitis, so die Diagnose, sind wir jetzt schon bei einer Lungenentzündung angekommen. Verordnung: Medikamente, Inhalation, frische Luft, Kontrolle beim Hausarzt.

In den folgenden Tagen verabreichen wir Schelma die verschriebenen Medikamente, inhalieren wie vorgeschrieben, verpassen ihr frische Luft und das ein oder andere Hausmittelchen und nehmen zumindest eine tägliche Besserung wahr.

Mit der Diagnose aus dem Krankenhaus in der Hand begebe ich mich schließlich zu unserer Kinderarztpraxis, um den Kontrolltermin zu vereinbaren. Die Antwort der Sprechstundenhilfe hat mich in den Tagen danach immer wieder an ein Beispiel absurden Humors erinnert.

„Ich würde gerne nächste Woche einen Termin zur Kontrolle machen.“

„Wenn es Schelma wieder gut geht, brauchen Sie eigentlich nicht zu kommen. Sonst fängt sie sich hier gleich die nächste Krankheit ein.“

„Aber die Ärztin im Krankenhaus hat gesagt, dass …“

„Ja, das sagen die nur so, weil sie es müssen.“

Ich spinne den Dialog heute noch im Kopf weiter, ausgedehnt auf andere Krankheitsbilder. Was ist etwa, wenn ich Krebs habe? Oder einen inoperablen Tumor? Oder eine frische Amputation hinter mir? Die Antwort in diesen imaginären Dialogen ist immer die gleiche:

„Ach, das sagen die Ärzte nur so. Kommen Sie lieber nicht, sonst fangen Sie sich hier noch was ein.“

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