Im Polnisch-Kurs

Schon seit längerer Zeit leide ich an einer Sprachkrise. Zeit also, sich neue Impulse zu suchen: Im Kinder-Sprachkurs.

Ich habe es nicht verstanden und verstehe es bis heute nicht: Pflichtgemäß, fast streberhaft besuchte ich Woche für Woche meinen Polnisch-Kurs und kletterte vom Anfängerkurs recht rasch nach oben. Monate, fast Jahre verbrachte ich schließlich auf der Ebene namens „Niveau B“ und mir wollte und wollte nicht der Sprung in die C-Klasse gelingen. Und da hat es angefangen. Mit jeder Woche wurde ich schwächer. Worte und Sätze, die mir früher leicht von den Lippen gingen, endeten in einem unverständlichen Kauderwelsch. Ich musste etwas unternehmen.

Da traf es sich ziemlich gut, dass Schelma seit einiger Zeit einen Polnisch-Unterricht für Kleinkinder besucht, in denen der Nachwuchs von Mischehen spielerisch an die polnische Sprache herangeführt wird. Genau das Richtige zur Behebung meiner Sprachkrise, denke ich, und erkläre mich gerne bereit, Schelma zur nächsten Stunde zu begleiten.

Zunächst machen wir einen ziemlich deutschen Eindruck. Wir sind nämlich 15 Minuten zu früh. Und der Unterricht beginnt mit 10-minütiger Verspätung. Frau Kinga, die den Unterricht leitet, hat sich heute das Thema Schnee ausgedacht. Während sie zur Begrüßung mit den Händen auf den Fußboden klopft (unser heutiges Begrüßungsritual), mustere ich meine … äh Schelmas Mitschüler.

Einer pupst gleich am Anfang, sodass es in unserem Unterrichtsraum ganz schön fies müffelt. Frau Kinga tut so, als würde sie das überriechen. Eine ältere Kollegin Schelmas schiebt sich alle paar Minuten die Hand in die Hose und kratzt sich dort in bester Jogi-Löw-Manier. Keiner hört wirklich auf Frau Kingas Frage, was sie denn hier auf dem Bild hochhalte.

Als niemand antwortet, überwinde ich meine Scheu und sage leise bałwan. „Bravo“, sagt Frau Kinga und ich freue mich genauso – wie ein Schneemann. Jetzt komme ich richtig in Fahrt, will Schelma aber nicht die Schau stehlen, also flüstere ich ihr die richtigen Antworten immer nur leise ins Ort: Mütze – Schal – Handschuhe – Stiefel und … ah, das ist jetzt schwerer, was heißt nochmal Schlitten auf Polnisch?

Dann wird der Unterricht gestört. Eines der Kinder kramt aus der Tasche seiner Mama einen Tampon hervor und informiert die Gruppe: „Mama schuschu“. Alle lachen. Ich ermahne Frau Kinga mit einem strengen Blick, die Kindereien zu lassen und mit dem Unterricht fortzufahren. Also gehen wir nun in den Bewegungsmodus über. „Wir sind Schneeflocken“, sagt Frau Kinga, „und wir wehen durch die Luft“. Nach der kopflastigen Anfangsübung kommt mir das wie gelegen. Ich puste und wirbele durch den Raum, dass es die anderen an die Seite fegt. Der Unterricht gefällt mir immer besser!

Danach wechseln wir in den Kreativmodus. Ich meine ja, dafür immer schon ein gewisses Talent gehabt zu haben. Irgendjemand hat wieder gepupst, aber das bemerke ich schon gar nicht mehr, da ich freudig die Finger in die Farbtöpfe tauche, die uns Frau Kinga entgegenhält. Wie im Rausch banne ich die Farben aufs Papier. Erst nach Minuten erwache ich aus meiner Trance und betrachte mein fertiges Werk.

Als ich mich umschaue, um nach Anerkennung zu heischen, steht nur die kleine Jogi Löw wieder neben mir und kratzt sich zwischen den Beinen. Danach fege ich noch einmal gedankenverloren als Schneeflocke durch den Raum und ehe ich mich versehe, ist der Unterricht auch schon am Ende angelangt.

Zum Abschied hat sich Frau Kinga wieder ein besonderes Ritual ausgedacht. Statt uns die Hände zu reichen (sie hat die ganze Zeit sowieso schon so verdächtig auf die kleine Jogi Löw geschielt), reiben wir unsere Stirnen aneinander. Als sie bei Schelma angekommen ist, drängele ich mich dazwischen, lege meine Stirn an ihre und schaue ihr tief in die Augen. „Ich möchte mich auch für den Kurs einschreiben“, flüstere ich ihr zu. Und da sehe ich zum ersten Mal seit Beginn des Unterrichts eine Gefühlsregung in ihrem Gesicht.

Sie schaut geradewegs, als hätte jemand gepupst.

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