Reise nach Jerusalem

Wir fechten im Bett einen Nahostkonflikt aus, stehlen Jesus die Schau und stellen wieder einmal fest, dass Portugiesen tolle Menschen sind.

Urplötzlich muss ich darüber nachdenken, woher der Name des Spiels eigentlich stammt, das in Kindergärten und Faschingsveranstaltungen für die passende Gaudi sorgt – nun, da wir kurz vor unseren eigenen Reise nach Jerusalem stehen. Aber als meine Gedanken schon bis zu den Kreuzzügen zurückgegangen sind, holt mich das Dröhnen der Turbinen in die Realität zurück. Das Flugzeug zieht an, wir werden in die Sitze gedrückt und während ich auf meinen obligatorischen Schweißausbruch wie bei jedem Flugzeugstart warte, sitzt Schelma quietschvergnügt neben mir, klatscht in die Hände und singt den neuesten Kita-Hit „Aramsamsam“. Bis wir vier Stunden später auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv landen, werde ich ihn noch mehrmals hören. Da transpiriere ich aber schon längst wieder normal.

Willkommen in Israel – dem Land der fröhlichen Zionisten und Staatsgründer.

In unserer Unterkunft in Tel Aviv angekommen, stopfen wir unsere an deutsche Novemberdepression erinnernden Klamotten ganz tief in den Koffer und nehmen unsere neue Identität als Pilger im Heiligen Land an. Und die lässt mich zum Hipster werden, der fortan täglich beim morgendlichen Gang an dem Strand in einer Hand seinen Smoothie hält, während die andere den Kinderwagen lenkt.

Doch selbst im Paradies gibt es Schatten. Die ziehen vor allem dann auf, wenn Schelma es in der Nacht fertigbringt, in unserem 1,80 Meter breiten Bett eine solche Position einzunehmen, die mich entweder komplett an den Rand drängt, oder ich mit meinem Körper Buchstaben formen muss, um mich um ihre Position herumzuschlängeln. Die Eskalation dieses persönlichen Nahostkonflikts um die Vorherrschaft im Bett scheint nur eine Frage der Zeit.

Der Frieden trügt.

Zeit also, dass Laissez-faire in Tel Aviv hinter uns zu lassen und in der Heiligen Stadt wieder zu uns selbst zu finden. Eines wird uns in beiden Städten aber gleichermaßen klar: Israel verfügt über eine ausgezeichnete WC-Infrastruktur – keine, pardon, zugeschissenen Baracken, sondern Einrichtungen, die sauber sind und vor allem – kostenlos. Somit kann Schelma von sich behaupten, sowohl in der Geburts- als auch in der Grabeskirche gewickelt worden zu sein, an den Orten also, an denen Jesus das Licht der Welt erblickte und es wieder verlor.

Sie selbst dient uns als Türöffner zum Jesus-Reich. Schon auf dem Weg zur Geburtskirche in Bethlehem sammelt sie von den arabischen Verkäufern, durch deren Spalier wir uns vorankämpfen, ein Geschenk nach dem anderen ein. Am Ort von Jesu vermeintlicher Geburt werden wir schließlich durch eine Menschenmenge gestoppt, die sich in Reih und Glied aufgestellt hat und sich einmal durch die Kirche schlängelt.

Eine sichere Methode, um auf schnellstem Weg zu Jesus zu gelangen, ist entweder ein körperliches Gebrechen oder ein Kleinkind auf dem Arm – und ein Portugiese. Er, Leiter einer Reisegruppe, beweist uns wieder einmal, dass Portugiesen tolle Menschen sind. Statt uns in die Massenschlange zur Geburtsstätte Jesu einzureihen, werden wir zum Ausgang geführt, aus dem uns die Treppe herauf beseelte Pilger entgegenkommen. Wir steigen die Treppe hinab in dem Wissen, dass Kinder wahre Wunder bewirken.

Das erleben wir auch an der Stätte des Letzten Abendmahls – Schelmas 3. heiliger Wickelort. Eine Gruppe Amerikaner steht im Hof herum, auf dem ich gerade mit Schelma eine Pilger-Schnaufpause einlege. Ein Mann aus der Gruppe tritt an mich heran, schüttelt mir die Hand und fragt: „How do you do?“ Spürte er etwas, dass ich selbst noch nicht wahrgenommen hatte? War ich wie Josef und Schelma die neue Prophetin? Kurz darauf wage ich ernsthaft, daran zu glauben. Ich will ja keine Blasphemie betreiben, aber …

Ich versuche, mir die Schelma-Verehrung rational zu erklären. In der Stadt, in der Menschen nüchtern betrachtet permanent damit beschäftigt sind, Steine zu küssen und mit Mauern zu sprechen, kommt es schließlich bei 100 Besuchern jährlich zu religiösen Wahnvorstellungen: dem Jerusalem-Syndrom.

Zeitweilig habe ich die Vermutung, dass auch Schelma selbst davon betroffen ist. Fast täglich zu einer festen Tageszeit am frühen Abend, wenn wir vollgepilgert in unser Hotelzimmer zurückkehren, verdreht sie die Augen, stößt unartikulierte Laute aus und wirft die Arme gen Himmel. Mit einer Episode „Leo, der Lastwagen“ auf dem Tablet lassen sich die Symptome jedoch erstaunlich schnell lindern. Zumindest bis es Zeit zum Schlafen ist und wir Schelma unter die Dusche stecken. Am nächsten Morgen schauen uns dann die anderen Hotelgäste beim Frühstück so an, als hätten wir abends zuvor in unserem Zimmer eine Kreuzigung vollzogen.

Viel besser gefällt Schelma die Tradition, auf jüdischen Grabsteinen kleine Steine abzulegen. An unserem letzten Tag pilgern wir uns noch einmal zur Hochform und erklimmen gemäß meinem Glaubensvorsatz „Wir finden das auch so“ unmotorisiert den Ölberg. Zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass der Kilometerzähler meines Handys am Ende des Tages 15 Kilometer anzeigen wird.

Auf dem Ölberg liegt der älteste, größte und teuerste jüdische Friedhof der Welt. Schelma lässt ihre zu Tode erschöpfte Reise-Puppe schon einmal probeliegen, leider ist unser Reise-Budget mittlerweile aufgebraucht. So nehmen wir am nächsten Tag Abschied von Israel und staunen wieder einmal, was Flughäfen bieten können, wenn sie sich nicht gerade in Berlin befinden.

Ein letztes Wunder ereilt uns zudem noch: Wir dürfen ohne Reservierung priority boarden. Als wir schließlich im Flugzeug sitzen, die Maschine anzieht und vom Boden abhebt, bin ich aber immer noch nicht dahintergekommen, woher der Begriff „Reise nach Jerusalem“ nun eigentlich stammt. Ich bin sowieso wieder mehr mit mir selbst beschäftigt und nehme Schelma neben mir kaum wahr, die sich auf ihre Art vom Heiligen Land verabschiedet – mit einem quietschvergnügten „Aramsamsam“.

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