Nightmare on Wilmi Street

Zu Halloween wollen uns die Stände in unserer Einkaufsstraße einen wohlig-gruseligen Schauder beifügen. Wirklich Angst machen uns die Schausteller selbst.So, wie die Leute in Berlin angezogen sind und sich verhalten, könnte man meinen, hier ist jeden Tag Halloween. Nun wird es offiziell begangen. Unsere Einkaufsstraße, die Wilmi, wird nun zum Mekka des Schreckens. In den Drogeriemärkten stecken sie die Studentinnen in lustige Kostüme, aber die waren Schreckgespenster warten in der Fußgängerzone.

Für Schelma ist das ein schöner Spaß. Während mein Portemonnaie sich lehrt, dreht sie im Cadillac auf dem Karussell eine Runde nach der anderen. Eine hagere Gestalt im schwarzen Mantel, der auch ohne Verkleidung als Untoter durchgehen würde, kassiert die Chips ein. Und während Schelma ihre Fahrkünste übt, nagelt mir der Karussell-Betreiber ein Gespräch ans Bein.

Interessanterweise sehen alle Schausteller auf der Wilmi so aus, als würden sie nebenbei auch Crack verkaufen. Der Karussell-Mann erinnert mich ein bisschen an Renfield, den irre gewordenen und Fliegen fressenden Gehilfen Draculas. Das Gesicht ist blass, die Haare wirr und die Augen schauen aus, als hätten sie schon eine andere Welt gesehen. Mit seinen verkrüppelten Beinen schlurft er mal hierhin, mal dorthin und scheint selbst nicht zu wissen, wo er hingehört.

„Für sieben Kinder muss ich zahlen“, erzählt er mir und zeigt auf seine Gehilfin, die das doppelte seines eigenen Körperumfangs ausmacht und – schweigt. Düsteren Blickes in düsterer Kleidung beobachtet sie nur, wie das quietschbunte Karussell seine Runden dreht. Ich versuche, eher der Höflichkeit wegen, den Smalltalk aufrechtzuerhalten und antworte mit „Aha“, „tatsächlich?“ und wieder „Aha“ und frage mich, wie viele Runden das Karussell für meine zwei Euro noch drehen wird.

Vom Cadillac wechseln wir schließlich auf die Eisenbahn, die verwaist dasteht und auf Passagiere wartet. Als ich an die Kasse des Eisenbahnwärters trete, ist mein erster Gedanke, wie lange er schon aus dem Knast raus ist. An jedem Finger trägt er einen Ring, die jeweils eine Totenkopfvariante zeigen. Gesprächsfreudig ist er auch nicht sonderlich. Während die Zigarette auf dem überquellenden Aschenbecher glimmt, schiebt er mir mit seinen Totenkopf-Fingern den Chip für Schelmas Eisenbahn-Tour rüber.

Sei’s drum. Schelma hat auf der Eisenbahn des Horrors ihren Spaß. Und Papi fühlt den Schrecken sowieso erst, wenn er vor der nächsten Runde in sein Portemonnaie schaut.

Der wahre Schrecken verbirgt sich.

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