Das Raketen-Mädchen

Schelma entwickelt sich zur Persönlichkeit. Mit allen Konsequenzen.

Mir erscheint es fast wie ein Blick in die Zukunft. Zum ersten Mal steht ein Gespräch an – wegen Schelmas Verhalten. Ich komme am Nachmittag pünktlich wie immer in die Kita, um sie abzuholen. Während sich Schelma, noch etwas verpeilt vom Mittagsschlaf, mit ihrer Strumpfhose abmüht, kommt die stellvertretende Kita-Leiterin in den Raum. Aus Gründen der Anonymität nennen wir sie an dieser Stelle … ähm … Helga. Ich will nicht sagen, dass Helga unter den Eltern den Ruf einer Knast-Aufseherin hat, aber wenn es bei der Rollenverteilung darum ginge, wer den guten und wer den bösen Polizisten gibt, wäre ihre Rolle relativ klar.

Als Helga nun direkt auf mich zusteuert, schwant mir schön Böses. „Wir waren heute auf dem Spielplatz“, erzählt sie mir ohne Umschweife. „Schelma hatte beide Hände voller Kastanien. Ich wollte ihr sagen, dass sie mir einige geben soll, damit ich ihre Hand nehmen kann. Da fing sie an so ein Theater zu machen, dass ich dachte … Entschuldigung … sie kotzt gleich.“

Ich sage „Mmh“ und denke daran, dass Schelma in letzter Zeit ihre Interessen – um es gelinde auszudrücken – relativ deutlich vertritt. „Ich wollte nur fragen, wie Sie reagieren, wenn so etwas passiert und sie anfängt zu brüllen wie am Spieß.“ Eigentlich möchte ich sagen: „Wir brüllen zurück.“ Aber mein Gefühl sagt mir, dass der Scherz nicht ziehen wird. Deswegen sage ich einfach das, was ich tue und was wohl alle fürsorglichen und verständnisvollen Eltern tun würden. „Na ja, ehrlich gesagt ignoriere ich sie dann und lasse sie brüllen.“

Bevor es Proteste gibt: In Elternratgebern, die ich nicht lese, soll es auch so ähnlich stehen. Wenn die geliebte Leibesfrucht im Rahmen einer schwierigen Phase – wohl der ersten von vielen weiteren, die folgen werden, – austickt, hilft in erster Linie Verständnis in Form von: „Ja, ich verstehe deinen Zorn.“

Natürlich verstehe ich ihn nicht und deswegen warte ich einfach, bis sie sich wieder abgeregt hat. Aber ich weiß auch, dass Schelma mittlerweile ein striktes Gut-Böse-Schema entwickelt hat.

Helga gehört zu den Bösen. Als sie im Schlafraum bei den Kindern ist, ist Schelmas Misstrauen so groß, dass sie gleich ganz auf den Mittagsschlaf verzichtet, In der Kita gibt es für sie nur einen Liebling: Minh-Khai. Wenn sie außer ihren Eltern noch jemanden akzeptiert, ist es ihre vietnamesische Lieblingsbetreuerin. Von niemand anderem lässt sie sich in den Schlaf streicheln. Und niemand anderem erlaubt sie, mit Minh-Khai zu spielen.

„Schelma hat heute wieder Theater gemacht“, erzählt mir Minh-Khai anderntags. „Als ich mich mit anderen Kindern beschäftigt habe, hat sie gebrüllt, wie ich es noch nie gehört habe. Sie war wie eine Rakete kurz vor der Explosion.“ Und dann sagt sie etwas, was mich fast etwas stolz macht. „Sie hat einen so starken Charakter, das hätte ich nie gedacht.“

Nun wollen wir nicht verantwortlich dafür sein, dass Schelma die ganze Kita mit ihren Explosionen dem Erdboden gleichmacht und unternehmen einen Kurzausflug nach Peenemünde. Dort kennt man sich mit Raketen schließlich aus. Mit unserer eigenen kleinen V2 im Gepäck verbringen wir entspannte Tage. Nur am Frühstückstisch erinnern wir uns fast nostalgisch an die Tage, in denen Schelma wegen ihrer akuten Bewegungsunlust zur Physiotherapie verurteilt wurde. Anstatt zum Spielzeug zu krabbeln, zog sie damals die Decke mit dem Objekt der Begierde einfach an sich heran.

Nun startet sie den Turbo und düst als Raketen-Mädchen um den Frühstückstisch herum – bis die Flugbahn jäh unterbrochen wird und die Rakete gegen die Wand knallt. Schelmas Beine sehen mit ihren blauen Flecken zeitweise aus wie eine faule Frucht. Aber als stolze Eltern freuen wir uns natürlich über jeden Entwicklungsschritt unseres Sprösslings und vor allem, dass sie ihre Taten reflektieren kann. Denn nachdem die Rakete ihren Fehlstart verarbeitet hat, folgt die Fehleranalyse, auf den Punkt gebracht mit der simplen Feststellung: „Schelma bamm“. Und ich glaube, bis wir die perfekte Flugbahn erreichen … I think it’s gonna be a long long time.

Raketentest am Strand.

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