Der Exorzist

Wir scheuen davor zurück, Schelma auf kalten Entzug zu setzen. Aber wir wissen auch: Der Schnuller muss weg.

Die Erzieherin in der Kita nimmt mich vertrauensvoll zur Seite.
„Wissen Sie, wir sind etwas ratlos. Schelma erzählt die ganze Zeit etwas von ‚Mot‘ und wir haben keine Ahnung, was das sein soll…“
„Mot?“, hake ich nach und zucke ratlos mit den Schultern. „Da bin ich leider überfragt.“

Das ist natürlich eine glatte Lücke. Als würde ich nicht wissen, dass „Mot“ Schelmas bester Freund ist, nach dem sie gefühlte 364. Mal pro Tag verlangt, um ihn sich dann genüsslich in den Mund zu stecken.
„Das ist sicher nur so ein Phantasiewort, das sich Schelma ausgedacht hat, das geht sicher wieder vorbei“, sage ich der Erzieherin und wundere mich, dass ich beim Lügen nicht einmal rot werde. Schon eine Minute später beim Anziehen in der Garderobe geht es wieder los.
„Mot?“, fragt Schelma und sieht mich flehend aus großen Kulleraugen an.

Man hört im Laufe des Elterndaseins ja so einige Geschichten zu allen möglichen Dingen. Eine Legende erzählt von einer Frau, die sich eine Woche freigenommen hat, um ihr Kind vom Schnuller zu entwöhnen. In der Version, die ich gehört habe, klang das in etwa so wie in „Der Exorzist“. Am Ende der Woche hatte sie es wohl geschafft, ihr Kind von seinen Dämonen zu heilen. Aber um welchen Preis…?

Eigentlich waren wir schon auf einem guten Weg, Schelma zu kurieren, ohne sie in ein dämonisches Ungeheuer zu verwandeln. Wir waren selbst erstaunt, dass sie im Grunde nur Ablenkung brauchte. Und keinen Mot in Sichtweite. Beides ließ sich ziemlich leicht bewerkstelligen und wir wollten uns schon als coole Super-Eltern auf die Schulter klopfen. Doch im Sommerurlaub passierte es: Der Dämon ist zurückgekehrt. Und er hatte nun einen Namen.

In der Kita wollen wir unser Versagen nicht eingestehen und lassen Mot konsequent zu Hause. Wenn sie dort Theater macht, kriegen wir es immerhin nicht mit. Doch kaum kehren wir nach Hause zurück, bemerken wir die Zeichen des Entzugs. Schelmas Augen sind glasig, die Hände so zittrig, dass Mot fast den Mund verfehlt.
Steckt er dann zwischen ihren Lippen und entfaltet seine Wirkung entspannen sich Schelmas Gesichtszüge wie bei einem Kettenraucher nach einem Tag Tabak-Abstinenz. Der Rest des Tages geht dann dafür drauf, Schelma so gut wie möglich abzulenken und ihr Mot wieder abzuluchsen.

Fürs Einschlafen ohne Mot kommt die Zeit jedoch zu früh. Einmal, als ich sie tief schlafend wähne, versuche ich, Mot aus ihrem Mund zu ziehen. Ich kann gerade noch meine Hand vor dem automatischen Beißreflex wegziehen, gepaart mit einem bedrohlichen „Mot!“, das so klingt, als käme es aus dem Mund des Dämons, der in ihr wacht. Ich atme tief durch und treffe die Entscheidung: Am nächsten Tag reiche ich beim Arbeitgeber eine Woche Urlaub ein. Und ich hoffe, ich werde sie überstehen. Denn ich habe einen Job als Exorzist vor mir.

„Mot? MOOOTTT!!!!“

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