Oops … I did it again!

Schelmas Pony verstellt ihr zunehmend die Sicht auf die wichtigen Dinge im Leben. Ein Fall für den Meister.

Wie immer geht es sehr schnell. Das Problem besteht schon seit einigen Tagen und wer, wenn nicht ich, ist prädestiniert, die Sache in die Hand zu nehmen. Die Sache, das ist eine kleine Schere, die sich perfekt in Daumen und Zeigefinger anschmiegt. Ich setze Schelma auf den Toilettensitz und trotz eines skeptischen Blicks lässt sie die Prozedur über sich ergehen. Kein Protest, kein Meckern, kein Widerstand. In weniger als einer Minute ist es vorbei. Ich betrachte mein Werk und denke: „Oh, oh.“

„Einen Zentimeter, hörst du, einen Zentimeter und nichts mehr!“, höre ich die mahnende Stimme von Schelmas Mama in den Ohren. Ich muss nicht extra nachmessen, um zu wissen, dass es … na ja … ein bisschen mehr geworden ist. Und irgendwie erinnert mich diese Frisur an jemanden. Ja, das ist doch …

Da die Erinnerung an die noch nicht allzu lang zurückliegende Haar-Affäre noch allgegenwärtig ist, bei der ich Schelma ihrer Nackentapete entledigt habe und mich der Gefahr der Scheidung und Verbannung ausgeliefert sah, baue ich mir sogleich einen Argumentationsstrang zurecht. Ich kann natürlich nicht damit punkten, dass Schelmas Frisur nun einer Comic-Figur gleicht. Deswegen durchforste ich mein Gedächtnis nach anderen Beispielen. Und siehe da:

Natürlich zeitigt das nicht den gewünschten Effekt. Als es am Nachmittag an der Tür klingelt und Schelmas Mama die Treppen heraufkommt, spritze ich mir noch schnell Wasser auf die Hand, um Schelmas Scheitel etwas straffer zu ziehen. So fällt es nicht so sehr auf, denke ich. All meine Hoffnungen, dass meine jüngste Tat unentdeckt bleibt, zerschlagen sich aber sofort, als ich Zeuge werde, wie Mama die Wohnung betritt, die Augen sich schreckerfüllt weiten und die Einkaufsbeutel aus ihrer kraftlosen Hand auf den Boden gleiten.

„Oh, nein, NEIN!!“, dringt das Schluchzen aus ihrem Mund. Entsetzt schlägt sie die Hände an den Kopf, ich kann zusehen, wie sich der Wasserpegel in ihren Augen mit jeder Millisekunde füllt. „Warum tust du nur so etwas, mein armes Kind, wie kannst du so etwas nur immer tun?!“ Verzweiflung und Anklage wechseln sich in heftiger Folge ab.

Diesmal aber lasse ich mich aber erst gar nicht auf eine Diskussion ein. „Schweig, Frau!“, sage ich mit der Strenge des Familienoberhauptes. „Es musste gemacht werden, ich habe es gemacht. Ende.“ „Ein Zentimeter, nur ein Zentimeter“, klagt sie unter Tränen. „Und das sind sicherlich fünf!“ Nun habe ich im Laufe unserer Ehe doch schon mitbekommen, dass meine geliebte Frau das eine oder andere Mal durchaus zu leichten Übertreibungen neigt.

Kurzentschlossen bringen wir Schelma zur Untersuchung ins Wohnzimmer und legen das Lineal an. „Bei fünf Zentimetern“, erläutere ich, „wären die Haare schon bis zum Kinn gewachsen.“ Gegen diese einleuchtende Logik kann sie nichts erwidern. Ich fahre fort: „In diesem Fall kann es sich bei der abgetragenen Menge höchstens, und ich betone höchstens, um zwei Zentimeter gehandelt haben.“ Quod erat demonstrandum.

Und ich kann meinen Erfolg selbst kaum glauben. Die Widersprüche bleiben aus (bis auf einige spitze Bemerkungen, hervorgerufen durch allgemeine schlechte Laune, in den folgenden Tagen). Es gibt keine Beweisfotos für die Familie und damit auch für mich keine Drohungen und Verwünschungen. Diese Schlacht, sinniere ich stolz, habe ich gewonnen. Aber für das nächste Mal würde ich vielleicht doch sicherheitshalber einmal auf einen ausgebildeten Frisör zurückgreifen.

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