Le Frisur

Tränen, Verzweiflung, die Familie in Polen entsetzt, entrüstet, das Wort Missbrauch fällt, der Ruf nach Scheidung – so schnell kann eine Ehe in die Krise rutschen.

Aber was ist geschehen?
Ehebruch?
Nein, schlimmer.
Viel schlimmer!

Ich habe Schelma eine neue Frisur verpasst!

Später heißt es im Protokoll meiner Frau: „Schon als ich nach Hause kam, wusste ich, dass etwas anders ist. Ich konnte nur nicht sagen, was genau. Erst dachte ich, es liegt daran, dass Schelma noch die Kleider von der Kita anhatte. Als ich sagte, dass ich bei den Einkäufen etwas vergessen habe, hat sich mein Mann sofort bereit erklärt, es noch zu holen. Schon das hat mich stutzig gemacht. Das macht er sonst nie. Er war dann auch schnell verschwunden. Und dann (sie stockt, kämpft mit den Tränen) … dann habe ich es gesehen. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Immer wieder sah ich auf Schelma und musste mit den Tränen kämpfen. Ich habe sofort ein Beweisfoto gemacht und es meiner Schwester geschickt. Und die hat es der Familie erzählt (Schluchzen).“

In der Antwort-SMS meiner Schwägerin, die mir später (wahrscheinlich, um mir Angst zu machen) vors Gesicht gehalten wird, sehe ich viele Ausrufezeichen und das Wort przerąbać – zerhacken. Mieć przerąbane heißt aber auch „unten durch sein“ oder „in der Klemme stecken“. Ich kann es drehen oder wenden wie ich will, das Wörterbuch spuckt keine für mich günstige Variante aus. Ich fühle einen Kloß im Hals und weiß nicht, ob beim nächsten Aufenthalt über der Grenze für meine Sicherheit garantiert werden kann.

Auch die nach dem Vorfall in rascher Folge herausgegebenen Communiqués vertreiben diese Sorgen nicht:

Schwägerin: Was ist nur in ihn gefahren? Ich werde ihm höchstpersönlich die Haare verunstalten, die ihm geblieben sind.

Schwager: Das kann doch nicht wahr sein. Ich wüsste, wo die Schere einen viel besseren Platz gehabt hätte.

Schwiegermutter: Er hat es doch nur gut gemeint …

Aber vielleicht darf ich auch mal was sagen?
Ich finde nämlich, ich habe das den Umständen entsprechend klasse hingekriegt.

Während des Osterwochenendes haben sich nämlich bereits Frau und Schwiegermutter abgemüht, Schelma das Pony zu schneiden. Das sah dann ein bisschen aus wie ein DDR-Vokuhila. Bei den Nackenhaaren haben sie dann angesichts Schelmas Protests das Projekt abbrechen müssen. Und die Nackentapete stach mir jeden Tag wie Hohn ins Auge.

Meine Stunde sollte aber bald kommen. Einige Tage später nämlich sitzen Schelma und ich alleine zu Hause am Schreibtisch, sie auf meinem Schoß, und malen zusammen. Plötzlich sehe ich die Versuchung nur eine Armlänge von mir entfernt. Danach geschieht alles wie in Trance. Erst ein kleiner Schnitt. Nur zum Testen. Schelma verzieht keine Miene. Dann greife ich mir dickere Strähnen. Eine nach der anderen fällt auf die Tischplatte. Ich bin wie im Rausch.

Nach fünf Minuten erwache ich wie aus einer Hypnose und bewundere mein Werk. Zugegeben, es ist nicht gerade mit der Wasserwaage geschnitten und ich werde in den kommenden Tagen immer noch ein bisschen nachbessern müssen, aber statt Vokuhila trägt sie nun einen schicken Pagenschnitt im Stile von Mireille Mathieu.

Und all meinen Kritikern schleudere ich den trotzigen Satz entgegen: Ich würde es jederzeit wieder tun!

C’est la vie …

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