Ostern mit Lenny Kravitz

Ostern in Polen bedeutet für mich in erster Linie eines: Flucht vor den Kinderliedern in Endschlosschleife. Nur leider habe ich mich zu früh gefreut.Manchmal habe ich diese Gewaltfantasien. Dann hole ich in Gedanken die Bazooka aus dem Keller und bringe all die Eunuchenstimmen zum Schweigen, die mir in Endlosschleife vom Bi-ba-Butzemann und dem Männlein im Walde vorjaulen. Das Dumme ist nur: Schelma steht im Moment auf nichts mehr. Schon direkt nach dem Aufstehen steuert sie auf die Stereoanlage zu und zeigt darauf mit einem entschiedenen „daj!“ (gib!). Und in der Regel habe ich keine andere Wahl – und gebe es ihr.

Und wieder.
Und wieder.
Und wieder.

Dass wir die Osterfeiertage in Stettin verbringen, kommt mir da gerade recht. Relativ entspannt, vor allem musikfrei verbringen wir die Strecke von Berlin nach Angermünde. Im Fahrradabteil gegenüber zwar sitzt eine junge Ausgabe von Lenny Kravitz, mit dem Schelma sofort hemmungslos flirtet, aber zu meiner Freude strebt er dem Original nur optisch nach.

Leider hat es die Deutsche Bahn an diesem Hauptpendlertag nicht für notwendig erachtet, ab Angermünde einen zusätzlichen Waggon bereitzustellen, woraufhin sich neben Normalreisenden auch noch zahlreichen Eltern mit Kindern und zugehörigen Kinderwagen in die freien Räume pressen. Den Mädchen wird freundlicherweise ein Sitzplatz angeboten und es dauert nicht lange, bis Schelma in Muttis Armen lautlos wegdöst.

Das würde ich auch gerne, stehe aber zusammengepfercht im Einstiegsbereich, den Koffer mit der einen, den zusammengeklappten Kinderwagen mit der anderen Hand festhaltend. Bei jeder Bewegung rutscht er mir jedoch aus der Hand und ich bitte abwechselnd um sorry, przepraszam und ‚tschuldigung.

Der junge Lenny Kravitz steht direkt neben mir. Auch er scheint mit seiner Begleiterin das Osterfest bei den Schwiegereltern zu verbringen. Ich mustere ihn etwas genauer. Das auftoupierte Haar erinnert mich an ein schwarzes Vogelnest, der Mantel geht fast als normal durch, die schwarzen Designerjeans haben Löcher an den Knien, aber vor allem die Schuhe toppen alles: Mit Glitzermanschetten versehen und auf Absätzen, auf denen nicht mal meine Frau laufen könnte.

Ich überlege, ob ich ihn scherzhaft fragen sollte, czy w Szczecinie chrząszcz brzmi w trzcinie? Wenn er diesen polnischen Zungenbrecher kennt, müsste er antworten: Nie, w Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie. (Nein, nicht in Stettin, sondern in Szczebrzeszyn quakt der Käfer im Schilf.) Aber irgendwie habe ich das Gefühl, der Gag wird nicht funktionieren. So stehe ich also weiter und grinse etwas dümmlich vor mich hin.

Als wir schließlich in Stettin ankommen, hat Schelma prächtig ausgeschlafen. Unter vielen sorry, przepraszam und ‚tschuldigung schäle ich mich aus dem Zug. Zumindest tröstet mich der Gedanke auf die kommenden Festtage, auf all die Pasteten, Salate, Suppen, Aufschnitte, Würste und Kuchen und die Verdauungsspaziergänge im Sonnenschein.

Außerdem ist es immer schön zu sehen, wie sich Schelma über ein paar kleine Geschenke freut. Als sie bei der Oma angekommen ihre Tüte auspackt, traue ich jedoch meinen Augen kaum. Meine Hand beginnt unweigerlich zu zucken, als ich die Aufschritt auf der CD, nein, auf den beiden CD’s lese: Piosenki dla dzieci. Kinderlieder! Bazooka! Im Augenwinkel sehe ich Schelmas kleine Hand, die sich langsam hebt und auf den CD-Player zeigt: Daj!

Und dann gebe ich es ihr.
Und wieder.
Und wieder.
Und wieder.
Und ich wünschte, Lenny Kravitz würde mich retten.

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