Wie heißt du eigentlich?

Schonmal was von Bedlam gehört? Das ist die berühmt-berüchtigte Londoner Irrenanstalt. Schonmal am Montag in der Kita gewesen? Das kommt wohl ungefähr auf dasselbe hinaus.

Es beginnt schon, als ich Schelma in der Gruppe abliefere. Sofort kriegt sie sich mit Lieschen wegen eines Spielzeugs in die Haare. Nach einem heftigen Zerren und Ziehen muss Schelma ihre Niederlage eingestehen und widmet sich stattdessen einer Kiste voller Spielzeug.

Dann aber kommt das Kind heimlich von der Seite angekrochen, das mich immer an Gollum aus „Herr der Ringe“ erinnert. Mit seinen kleinen, gierigen Finger will es an der Kiste rütteln, diesmal aber lässt Schelma keinen Zweifel daran aufkommen, wem hier das erste Zugriffsrecht gebührt. Mit einem wütenden Schrei schlägt sie Gollum in die Flucht, der sich daraufhin zusammenkauert und in seiner eigenen Sprache wirre Sachen vor sich hinbrabbelt.

Nachdem ich mich von Schelma verabschiedet und ihr für den weiteren Tag viel Kraft und Glück gewünscht habe, will ich im Badezimmer noch ihre Vorräte an Windeln und Feuchttüchern auffüllen. Als ich mich am Vorratsschrank zu schaffen mache, spüre ich, wie mich zwei Augenpaare fixieren. Ein Mädchen sitzt einen halben Meter neben mir auf dem Topf und starrt mich neugierig an. Ich mühe mir ein Lächeln ab und bringe die Vorräte in Ordnung, als sie fragt: „Wie heißt du?“ Ich sage es ihr schnell und haue ab, lasse sie verwundert auf dem Topf sitzen und spüre noch im Gehen ihre neugierigen Blicke in meinem Rücken.

Nachdem ich den Vormittag und Mittag über das Geschehene erfolgreich verdränge, erlebe ich beim Abholen am Nachmittag eine Art Déja-vu. In der Garderobe wird gerade eine ältere Gruppe für den Spielplatzausflug zurechtgemacht. Als ich mir die Überzieher über die Schuhe streife, spüre ich wieder einen Blick auf mir.

„Wen holst du ab?“, will das neugierige Kind wissen. Aus seiner Nase kriecht gerade eine Schnecke.
„Meine Tochter.“
„Wie heißt deine Tochter?“
„Schelma.“
„Wie heißt du?“
Ich sage es ihm.
„Wie heißt du?“
Ich sage es ihm.
„Das ist aber ein komischer Name.“
Hier schaltet sich die Erzieherin ein. „Nein, Elo, das stimmt nicht, das ist ein schöner Name, es gibt keine komischen Namen.“
Ich dachte, damit wäre die Sache erledigt, da guckt das Kind wieder auf mich.
„Wie heißt du?“
„Das habe ich dir grade gesagt!“

Ich lasse die Nervensäge links liegen und stürze zu Schelma, fische sie aus einer Gruppe von Kindern, die unkontrolliert vor sich hin- und herschaukeln und vor sich hinbrabbeln, während es ihnen aus Mund und Nase tropft. Dann flüchten wir auf den Spielplatz. Ruhe, denke ich, einfach nur Ruhe.

Und wir haben Glück, außer uns ist nur die Mutter von Lieschen da, die am Morgen noch den Kampf gegen Schelma gewonnen hatte. Wie es scheint, ist zwischen den beiden kein böses Blut zurückgeblieben. Ich betreibe etwas Smalltalk mit ihrer Mutter, als sie mich unvermittelt fragt:

„Sag mal, wie heißt du eigentlich?“

Nun überschneiden sich die Bilder. Plötzlich sehe ich, wie Lieschens Mutter auf dem Topf sitzt und mich mit fragenden Augen anblickt, während es unkontrolliert aus ihrer Nase und ihrem Mund tropft. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, wie ich zusammenkauert im Sand hocke, unkontrolliert meinen Körper vor- und zurückwiege und in meiner eigenen Sprache vor mich hinbrabbele.

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