Bella bellissima oder Warum Florenz gar nicht so toll ist

Im Gegensatz zu ihrem Papi fliegt Schelma wirklich gern. Mit nicht einmal zwei Jahren hat sie bald schon ein Dutzend Flüge hinter sich gebracht. Ich selbst habe dafür fast 30 Jahre gebraucht, mich mittlerweile aber daran gewöhnt. So steigen wir frohen Mutes in den Flieger in die Toskana, auf dass Schelma und ihre Eltern mit dem ersten Ausflug des Jahres einen Hauch von Renaissance-Kultur mit zurück in den Alltag nehmen.

Bereits die erste Station Bologna lässt keine Wünsche offen: Breite Arkaden, einige erhaltene Wehrtürme, die aus der Stadt ein Manhattan des Mittelalters gemacht haben, und ein Café, in dem Schelma zum ersten Mal zum Herzensbrecher wird, indem sie an der Fensterscheibe steht und den vorbeigehenden Passanten zuwinkt. Das bleibt auch im Café selbst nicht unbemerkt und noch bevor ich mit dem Kaffee an unseren Tisch zurückkomme, hat Schelma das Herz einer Dame erobert, die gar nicht mehr aufhören kann, ihre Augen von „bella bellissima“ zu wenden.

Es hätte im Nachhinein gar keinen Grund gegeben, Bologna zu verlassen. Aber wenn man schon in der Gegend ist, wäre es wohl ein Frevel, Florenz links liegen zu lassen. Nach dem ersten Tag dort muss ich jedoch an Stendhal denken, der Anfang des 19. Jahrhunderts die Stadt besuchte und auf den das Stendhal-Syndrom zurückgeht, eine kulturelle Reizüberflutung, die mit Panikattacken, Wahrnehmungsstörungen und wahnhaften Bewusstseinsveränderungen einhergeht. Stendhal schrieb damals: „Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen.“

Santa Croce ist die Kirche, in der Persönlichkeiten wie Michelangelo, Machiavelli oder Galileo begraben sind. Vor der stehen wir zwar auch, werden aber von einem Carabinieri nicht reingelassen. Warum, verstehen wir leider nicht. Erschöpft sind wir zu dem Zeitpunkt auch so schon. Das hat nur nicht viel mit der kulturellen Reizüberflutung, sondern eher mit praktischen Aspekten zu tun.

Den Weg zum Aussichtsplatz Piazzale Michelangelo erkämpfen wir uns über gefühlte tausend Treppen, wobei einer Schelma trägt, der andere den Kinderwagen. Die Gehwege in der Innenstadt von Florenz sind darüber hinaus meist so schmal, dass man während der Stadtbesichtigung mit Kinderwagen einfach nur genervt ist. Ständig stehen sowieso Touristen im Weg herum. Dass es in Florenz darüber hinaus auch wirkliche Einwohner gibt, kann ich bis zum letzten Tag nicht so wirklich glauben.

Aber was soll das germanische Gemecker? Wir sind immerhin der Kultur wegen gekommen. Wenn man in Italien ist, so finde ich, kommt man sich gleich automatisch ein wenig kultivierter vor. Man isst kultivierter, man trinkt kultivierter, man redet kultivierter. Selbst Schelma hat sprachlich wieder neue Impulse aufschnappen können.

In unserer ersten Nacht in unserem Florenzer Appartment werden wir nach Mitternacht geweckt, weil von der Etage über uns laute Stimmen durch die Wände dringen. Zweifelsfrei eine Italienerin teilt ihre Freude über ihren Florenz-Aufenthalt mit einem sich immer wieder wiederholenden „Si! Si! Si!“. Diese südländische Lebensfreude hätten wir uns gerne als Vorbild genommen, jedoch haben die Verhältnisse das nicht so wirklich hergegeben.

No! No! No!

Zumindest sind wir froh, dass Schelma nicht geweckt worden ist und von der notte d’amore nichts mitbekommen hat. Bilden wir uns zumindest ein. Als wir sie am nächsten Tag aber fragen, ob sie gut geschlafen hat, grinst sie uns an und antwortet mit einem schelmischen „Si! Si! Si!“.

Auch wenn sie in Florenz von niemandem als „bella bellissima“ bezeichnet wird, hat Schelma ihren Spaß. Im Museum Leonardo da Vinci besichtigen wir die Erfindungen des Renaissance-Genies und kommen uns 500 Jahre später wie Idioten vor, weil wir nichts davon kapieren. Für Schelma sind das jedoch alles spannende Spielzeuge. Ebenso die Loggia die Lanzi an der Piazza della Signoria. Ehrfürchtig schlendern die Stadtbesucher durch den Arkadenbau, während sich die beiden Medici-Löwen nur fragend anschauen, was das kleine Ding da zwischen den Statuen herumrennt.

Von all den kulturellen Reizen ist Schelma jedoch von einer ganz besonders begeistert. Florenz ist nämlich nicht nur die Stadt von Leonardo oder Michelangelo, sondern auch Geburtsstadt von Carlo Collodi, Autor von „Die Abenteuer des Pinocchio“. Unser Holz-Pinocchio kostet drei Euro und hat nach einem Tag schon ein gebrochenes Bein. Das stört zumindest Schelma nicht, die sich von ihrem Pinocchio immer wieder beruhigen lässt, wenn sie ihr persönliches Stendhal-Symptom packt.

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