Fasching-Premiere

Die Ausflüge zu unserem Pippi-Langstrumpf-Spielplatz folgen in der Regel einem festen Ablauf. Noch bevor die Spielgeräte in Beschlag genommen werden, steuert Schelma schnurstracks auf die hölzerne Pippi zu, die über ihren Spielplatz wacht, streichelt ihr das rot bemalte Köpfchen und wünscht ihr einen guten Tag. Es hat sich also gar nicht erst die Frage gestellt, mit welcher Verkleidung Schelma bei ihrem ersten Kita-Fasching aufwarten wird.Mir scheint, Schelma hat schon längst eine gewisse Seelenverwandtschaft mit Pippi entdeckt und reagiert mit entsprechender Eifersucht, wenn jemand anderer ihrem Liebling zu nahe kommt. Als Schelma von ihrer Schaukel sieht, wie es ein anderes Kind wagt, sich Pippi zu nähern, reagiert sie mit einem wütenden „Nein! Nein! Nein!“.

Mit dem Fasching ist es ja immer so eine Sache. Entweder lieben oder hassen. Dazwischen gibt es in der Regel nichts. Als ich Schelma am Faschingsmorgen in Pippi-Strumpfhose, Zöpfen und aufgemalten Sommersprossen in die Kita bringe, weiß ich zumindest, auf welcher Seite Schelmas Erzieherin steht.

Anfangs erkenne ich sie gar nicht, denn ihr Körper ist unter einem überdimensionierten Hut verborgen, von dessen Rändern so etwas Kuhglocken um ihr Gesicht baumeln. Emotionslos schaufelt sie Löffel um Löffel Brei in das Mündchen des als Schildkröte getarnten Gruppen-Nesthäkchens. Als ich sie so betrachte, das Gesicht eine einzige Fratze des Widerwillens gegen den Faschingswahnsinn, spüre ich tatsächlich Mitleid – und sehe zu, so schnell wie möglich aus dieser Villa Kunterbunt zu verschwinden. Noch im Gehen spüre ich ihre Blicke in meinem Rücken, die mir stumm und vorwurfsvoll nachschreien: Nimm mich mit!

Als ich am Nachmittag zurückkehre, hat sich der Wahnsinn bereits potenziert. Überall wimmelt es von Prinzessinnen, Elfen, Tieren und Comic-Figuren. Mühsam kämpfe ich mich durch den ersten Raum, in dem mir ein Junge den Weg versperrt, der entweder Vampir ist oder Maikäfer. Zu meiner Erleichterung wird er von einem Spiderman abgelenkt und ich habe freie Bahn zu meiner Pippi. Denke ich. Zuvor nämlich taucht ein kleines, dickes Mädchen vor mir auf, das gerade aus dem Mittagsschlaf erwacht ist und nackt, nur mit einer Windel bekleidet, über den Flur geistert.

Ich umkurve sie elegant sie und haste zur Tür, die mich zu meiner Pippi bringt. Ich wiege mich schon in Sicherheit, als mich beim Öffnen der Tür plötzlich etwas anspringt und sich an mein Bein klammert. Als ich an mir herabsehe, ist dort ein Junge in Unterwäsche, der seine Arme energisch um meine Beine schlingt. Hilfesuchend blicke ich auf Schelmas Erzieherin, um deren Kopf nach wie vor die Kuhglocken baumeln.

Sie schaut mich mit einem sardonischen Grinsen an, während das Kind zwischen meinen Beinen hysterisch schreit und nicht loslassen will. „Da hat wohl jemand Ähnlichkeit mit dem Papa“, höre ich sie sagen. Von ihr kann ich also keine Hilfe erwarten. Dafür ist auf mein Töchterchen Verlass, von der wir bereits wissen, dass sie es nicht haben kann, wenn sich jemand an ihren Lieblingen vergreift. Mit einem energischen „Nein! Nein! Nein!“ schlägt sie den Angreifer in die Flucht. Ich schnappe sie und lasse den Wahnsinn hinter mir. Zumindest bis zum nächsten Jahr.

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