Lauschangriff

Wenn ich Schelma am Nachmittag von der Kita abhole, weiß ich nie, was ich mit den anderen Eltern, in der Regel den Müttern, in der Garderobe reden soll. Mit „Hallo“ und „Tschüss“ und vielleicht noch „schönes Wochenende“ ist mein Repertoire ziemlich ausgeschöpft. Ich traue mich nicht einmal zu fragen, was es bei ihren Kindern an Neuigkeiten gibt, denn ich kann mir die Namen von den anderen partout nicht merken. Wenn wir zuhause über die anderen Kinder sprechen, müssen wir statt Namen auf optische Merkmale zurückgriffen: das hässliche Kind; das Kind mit den Dumbo-Ohren; der, der so aussieht wie sein Vater; der Heuljunge usw.

Statt aktiver Kommunikation übe ich mich stattdessen in passivem Lauschen. Da ich meist immer mit denselben beiden Müttern in der Kita aufschlage, habe ich mich auf deren Dialoge spezialisiert. So weiß ich, dass beide ihre Töchter noch stillen und zu welchen Uhrzeiten, was ich mit 1,5 Jahren zwar etwas schräg finde, aber ich habe auch schon von Müttern gelesen, die das mit ihren dreijährigen Kindern noch machen. Ebenso weiß ich, dass ihre Meinung von den Erziehern etwas reserviert ist, was sie vor allem mit mangelnder Kommunikation begründen.

„Stell dir vor“, sagte die eine zur anderen Mutter. „Unsere Tochter hat den ganzen Abend gebrochen und dann erwähnen die mal beiläufig, dass sie am Tag vom Fensterbrett gefallen ist. Sie hätte eine Gehirnerschütterung haben können und ich weiß nichts davon.“

Ich bemerke auch nur, dass Schelma öfters mal mit blauen Flecken nach Hause kommt, aber gehe bislang noch davon aus, dass sie in ihrem neuen Übermut einfach mal wieder gegen etwas Hartes gelaufen ist. Und überhaupt: Eigentlich will ich gar nicht alles wissen, was tagsüber in der Kita passiert, wer wann schreit, stürzt oder sich auf die Zunge beißt.

Die Kita hat zumindest eine schöne Methode, Eltern auf potenzielle Gefahren hinzuweisen. Meist hängt dann an der Eingangstür ein Zettel mit blutroten Großbuchstaben in Schriftgröße 196 und Worten wie
Bindehautentzündung
Scharlach
Läuse

Für meine beiden Garderobenmütter ist an solchen Tagen Armageddon angebrochen. Den Tränen nahe diskutieren sie, ob sie ihr Kind überhaupt noch in die Kita schicken sollten. „Mein Kollege hat mir von den Läusen bei seinen Töchtern erzählt“, lausche ich an einem jener schicksalhaften Epidemietage. „Er sagt, die sind wie kleine, dicke Maden, die sich direkt ins Gehirn fressen können.“

Da kriegt auch Schelma einen Schreck und schaut mich mit großen Augen an. Zur Sicherheit frage ich am nächsten Tag den Erzieher, wie er die Sache handhaben würde.
„Wir haben Läuse?“, fragt er ehrlich erstaunt seine Kollegin.
„Ja, aber nicht in unserer Gruppe.“
„Ach so, na ja, das lässt sich irgendwann kaum vermeiden.“

Zu Hause stößt die maskuline Nüchternheit auf wenig Verständnis und ich höre die Argumente meiner Garderobenmütter noch einmal, garniert mit weiteren Horrorerinnerungen aus der eigenen Kindheit. Ich zweifle zwar immer noch, komme aber mittlerweile ins Grübeln und suche im Internet nach Läuse-Bildern. Und was ich da sehe, lässt die Gehirnfresser-Variante plötzlich ziemlich real erscheinen. Die Sache ist entschieden: Schelma bleibt zu Hause. Notfalls für immer.

Wir warten auf dich...
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