„Schelma, du bist ’ne … Motte!“

In Osteuropa kann man eigentlich darauf verzichten, seinen Kindern normale Namen zu geben. In Polen zum Beispiel wird niemand Małgorzata, Joanna, Barbara oder Katarzyna bei dem Namen nennen, der in ihren Dokumenten steht. Stattdessen sind sie zeitlebens Gosia, Asia, Basia oder Kasia. Und das sind nur die gängigsten Varianten.

Die Verniedlichung beginnt selbstredend bereits im Kleinkindalter und man muss einfach eingestehen, dass die deutschen Kosenamen an Kreativität doch ziemlich hinterherhinken. Die Klassiker wie Prinzessin, Mäuschen oder Schatzi sind auch bei Schelma schnell bei der Hand gewesen. Ich persönlich bevorzuge „Zwerg“, je nach Situation auch mal „Nervensäge“ oder „Hooligan“. Fremde fixieren sich eher auf Äußerlichkeiten – Stichwort Simply Red. Eine interessante Variante jedenfalls hat unlängst Schelmas (deutsche) Omi ins Spiel gebracht.

Zeitungen findet Schelma schon toll, als sie gerade so und mit Mühe einen Gegenstand in beiden Händen halten kann. Zwar gibt es immer noch Fälle blinder Zerstörungswut (vor allem bei den Boulevardmedien mit dem billigen, schmierigen Papier), in Magazine allerdings vergräbt sie sich mit fast journalistischem Eifer.

Als sie nun eines dieser Hochglanzprodukte durchackert, lässt sie uns alle als Zuhörer an den Neuigkeiten dieser Welt teilhaben. Die Vorlesung besteht in erster Linie aus der Aneinandereihung der Laute Di-Da-Di-Da-Di-Da, doch variiert Schelma so schön in Lautstärke und Betonung, dass Omi vor Freude die Tränen in die Augen schießen und ausruft: „Schelma, du bist ’ne … Motte!“

Es bleibt Omis Rätsel, warum und wie sie gerade auf Motte gekommen ist, unbewusst aber hat sie damit durchaus sprachliche Brücken geschlagen. Was im Deutschen der Bücherwurm, ist im Polnischen nämlich die Büchermottemól ksiązkowy. In der polnischen Familienhälfte nennt Schelma natürlich niemand so, schließlich gibt es viel schönere Varianten.

Zu Schelmas – polnisch Szelma – multiplen Persönlichkeiten gehört demnach: Szelmusia, Szelmcia, Szelmunia oder Szelmik. Schon bei den ersten Besuchen wird mit den Namen um sich geworfen, dass mir die Ohren schlackern. Da schaue ich Schelma hilfesuchend an, beuge mich zu ihr herunter und flüstere ihr ins Ohr: „Für mich bleibst du einfach mein Zwerg, okay?“

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