„Entspann dich!“

Was waren das noch für ruhige Zeiten. Schelma liegt in ihrem Kinderwagen wie ein Püppchen und schläft den Schlaf der Gerechten. Alles geht an ihr vorbei und als sie die Augen öffnet, hat sie die ganze Reise schon verschlafen. Man muss schon selbst Elternteil sein, um mit Berechtigung den Satz zu seufzen: „Hach, sie werden so schnell groß.“

Die Reisen, in denen wir gemütlich im Fahrradabteil hocken, in unsere Bücher und Zeitschriften vertieft sind und Schelma derweil ihre Privatreise durchs Traumland unternimmt, sind nämlich schon eine Weile vorbei. Neuerdings mieten wir uns sogar immer im Kinderabteil ein, um mit dem Kinderwagen nicht immer dort sitzen zu müssen, wo gerade genug Platz dafür ist – also meistens neben den Toiletten.

Die erste Fahrt grenzt auch fast an Perfektion. Mit uns im Abteil sind eine Mutter zusammen mit Oma und zwei Kleinkindern, davon eines nur wenig älter als Schelma. Bis eine Stunde vor dem Ziel verhalten sich alle so, wie sie sich verhalten sollten: Sie schlafen und gehen nicht auf die Nerven. Ab und zu kackt mal eines, dann riecht das ganze Abteil danach, aber so etwas hat man mittlerweile ja ab. Nur entdeckt Schelma auf dieser Reise ein Gefühl, das wir bis dato noch nicht bei ihr bemerkt haben: die Solidarität.

Wenn ein anderes Kind schreit, ist das Schelma im Grunde egal. Später, während der ersten Wochen in der Kita, hole ich sie einmal ab und höre schon vom Flur klägliches Winseln und Weinen aus vielen Kehlen. Ich bin mir sicher, auch Schelma darunter zu erkennen. Als ich die Tür öffne, sitzt die jedoch nur unbeeindruckt auf dem Boden und kratzt sich den Kopf, als ob sie sich gerade selbst fragt, was mit den ganzen Memmen gerade los ist.

Auf dieser ersten Reise jedoch entscheidet sich Schelma anders und sie spielen das perfekte Doppel. Hört die eine auf, fängt die andere an. Und so weiter. Und so lauter. Wir fühlen uns wie in einem schalldichten Labor, der keine Geräusche nach außen dringen lässt und kriegen dafür im Inneren die volle Dröhnung. Als wir auf dem Bahnhof ankommen, müssen uns die dort wartenden Großeltern schon in die Ohren brüllen, um mit uns zu kommunizieren.

Fairerweise muss man sagen, dass Schelmas Benehmen ansonsten tadellos ist. Bei anderen nicht. Es war während des letzten Großeltern-Besuchs, als im Kinderabteil bereits ein weiteres Grüppchen auf uns wartet. Mutter, 2 Töchter, davon eine bereits geschlechtsreif und die andere zumindest schon lange aus den Windeln raus. Kurzum: Kein Publikum fürs Kinderabteil.

Uns stört die Gesellschaft zunächst nicht, fühlen uns bald aber wie in der Kaserne – mit der Mutter als Oberkommandantin. Und bald hören wir die Befehle durch das Abteil schmettern: Sei ruhig! Jetzt nicht! Das nervt! Entspann dich!

Tochter 2, die jüngere, nimmt zaghaft Kontakt mit Schelma auf und zeigt ihr ihren Barbie-Zauberstab mit den traurigen Worten, ihre Mama möge den nicht. „Das Geräusch ist auch schrecklich“, faucht sie daraufhin der Drachen von der Seite an.

Die beiden Mädchen verstehen sich indessen so gut, dass wir es wagen, sogar mal wieder einen Blick in unsere Bücher und Zeitschriften zu werfen. Dadurch sehen wir nicht, wie sich Schelma unbemerkt dem Drachen nähert und vor seinen Füßen haltmacht. Wir sehen nicht, wie sie in die Hocke geht und würden es auch nicht begreifen, wie sie es trotz routiniert angelegter Windel geschafft hat, das zu tun, was sie tut.

Wir können nur reagieren, als der Drache daran ist, uns seinen Feueratem entgegenzuschleudern, uns mit seinen Funken schlagenden Augen zu Staub zu zermalmen. Wir wissen um die Aussichtslosigkeit unserer Lage und reagieren so, wie man reagiert, wenn man nichts mehr zu verlieren hat – mit einem kernigen, im Kasernenton geschmetterten: „Entspann dich!“

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