Berufsvorbereitung

Schelma ist jetzt knapp anderthalb Jahre alt, der Studienfonds ist bereits seit einem Jahr eingerichtet und ich mache mir ernsthaft Gedanken über ihre berufliche Zukunft. Wofür ist sie geeignet? Wo liegen ihre Talente? Aus diesem Grunde beobachte ich sie in diesen Tagen genau, analysiere und wäge die Perspektiven ab.

Augenärztin: „Wo hat Papi Auge? Wo hat Papi Auge? Jaaa, da hat Papi Auge“, sagt Papi und ein kleines Patschehändchen gräbt sich in meinen Augapfel. Während vor meinen Augen die Sterne tanzen, denke ich an meinen eigenen Opa, Schelmas Urgroßvater, der vor einigen Wochen erst eine neue Hornhaut bekommen hat. Ich frage mich, ob er von Schelmas Untersuchungskünsten angetan wäre. Wir werden es wohl bald herausfinden. Sonntagnachmittag sind wir zu Kaffee und Kuchen verabredet.

Zahnärztin: Schelma und die Zähne ist eine Geschichte eigener Art. Mit 8 Monaten bekommt sie ihren ersten Zahn. In der schier endlosen Zeit, in der sich dieser ans Licht quält, erinnert sie mich an ein tollwütiges Backenhörnchen. Danach tut sich etwa ein halbes Jahr gar nichts, bis sie schließlich fast alle mit einmal durchbrechen. Um das Ende vorweg zu nehmen: Wir haben es überstanden. Aber seitdem interessiert sich Schelma auch für andere Münder. Dann bohrt sich der kleine spitze Zeigefinger ins Zahnfleisch, kratzt an Amalgam-Füllungen und zieht die Lippen bis zur äußersten Dehnung. Ein Vergnügen ist es nicht, aber welcher Zahnarztbesuch ist das schon?

Landwirtin: Unter den Spielzeugen gehören derzeit zwei zu Schelmas Favoriten, ein Buch mit eingebauten Tierstimmen und ein kleiner Bauernhof. Die dazugehörigen Figuren vollführen noch keine ergebnisorientierten Handlungen, sondern fliegen vielmehr ungeachtet der Artenzugehörigkeit durch die Luft oder werden gegeneinander geschlagen. Aber auch hier kann ich Schelmas Urgroßvater ins Feld führen, der selbst fast sein ganzes Leben lang als Landwirt tätig war, mehr als einem aggressiven Hahn den Kopf abgehackt hat und daher die Weisheit prägte: „In der Landwirtschaft darf man kein Mitleid haben.“ Als Schelmas Versuchstier kann ich ihre Eignungen nur bestätigen. Sie zieht mich an den Nasenlöchern wie einen Ochsen, reitet mich wie einen Esel und drückt mir die Luft ab, als sollte ich gleich im Topf landen. Das muss in den Genen liegen.

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