Girls, girls, girls

Weihnachten in Polen: Das heißt, ich liege spätestens am 1. Weihnachtsfeiertag auf der Couch und habe das Gefühl, ich würde gleich gebären. In meinem Magen türmen sich Schichten von Pasteten, Piroggen, Salaten, Fisch, Fleisch, Torten, Kuchen und Wodka und ich versuche, die vorangegangenen Familienzusammenkünfte zu rekapitulieren.

Besonders an Heiligabend knabbere ich gedanklich noch herum. Zur Tradition gehört es nämlich, Oblaten zu brechen und sich mit allen Anwesenden Wünsche auszutauschen. In der Regel sind das Gesundheit, Erfolg und Wohlergehen. Beim Cousin meiner Frau, zusammen mit seinem Vater die einzigen männlichen Verwandten, sind die Prioritäten etwas verschoben. Der Sinn seines Seins, so scheint es mir, scheint darin zu bestehen, einen Sohn zu zeugen. Bislang hat er es lediglich auf zwei Töchter gebracht. Und als ich nun seine Pranke in meiner Pranke spüre, wünscht er mir in aller Aufrichtigkeit: „Großstadt-Papi, möge dir im neuen Jahr ein Sohn geschenkt werden.“

Dann werde ich weitergereicht und lande in den Armen seines Vaters, der ebenso noch immer sehnlichst auf den ersten männlichen Enkel wartet. „Großstadt-Papi“, sagt er. „Ich wünsche, dass deine Familie weiter wächst und dir ein weiteres Kind geschenkt wird, egal ob ein Mädchen oder ein Junge … aber ein Junge wäre natürlich schön.“ Sagt’s und herzt mich, dass mir die Luft weg bleibt. „Schauen wir mal“, stoße ich nur hervor. Dazu muss man sagen, dass in der Familie meiner Frau ein ziemlicher Frauenüberschuss herrscht. Und Schelma und ihre Cousinen haben in den vergangenen Jahren die Frauenquote in der Familie noch weiter nach oben geschraubt.

Während der Cousin meiner Frau mich also mit (männlichen) Kinderwünschen bedenkt, hegen wir den Verdacht, dass er selbst bereits seinen Wunschzettel eingereicht hat. Denn seine Frau („Nein, niemals, kein weiteres Kind“) trägt zu Heiligabend ihr Schwangerschaftskleid. „Bitte, was?“, frage ich, als ich den Ausdruck zum ersten Mal höre. „Na, das rote, das weite – und außerdem hat sie während der gesamten Familienfeiern nichts getrunken.“

Noch können wir nur spekulieren. Noch steht die Verkündung aus. Es wäre nach ihren beiden Mädchen das dritte Kind. „Nur noch eins, dann lass ich mir die Samenleiter durchschneiden“, hat der Cousin meiner Frau sie immer wieder bedrängt. Ihr „nein“ scheint zu einem „vielleicht“ zu einem „ok“ mutiert zu sein. Nun wünschen wir ihnen, was man sich eben so wünscht: Gesundheit, Erfolg, Wohlergehen. Und insgeheim natürlich vor allem das Beste: ein Mädchen.

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