Reflexionen

„Wollen Sie sich auch nach mehrjähriger Berufserfahrung von Neueltern erklären lassen, wie Sie Ihren Job zu machen haben?“

In dem Bemühen, offene Stellen im Erziehungswesen zu füllen, wirkt Ehrlichkeit am besten. Zumindest bei einer meiner Kolleginnen hat es geklappt. Sie hat gekündigt, um als Erzieherin einen neuen Berufsweg einzuschlagen. Wenn wir uns alle paar Monate auf einen Kaffee treffen, können wir uns in aller Offenheit Fragen stellen, die wir uns sonst vielleicht nicht trauen würden so offen anzusprechen.

„Sag mal“, möchte Sie wissen, die selbst noch keine Kinder hat. „Was ist das eigentlich für ein Gefühl, die Kinder wegzugeben und bei fremden Leuten zu lassen?“

Just bei dieser Frage schießt mir eine Episode durch den Kopf – aus den ersten Wochen von Schelmas Kita-Zeit. Als ich sie an besagtem Tag abhole, erzählt mir der Erzieher, sie wäre umgefallen und hätte eine Schramme abbekommen. „Hey Mann, kein Problem, so was passiert“, höre ich mich sagen, während es innerlich brodelt und ich denke: „Pass gefälligst besser auf, Idiot, ich bezahlte dich nicht dafür, aus meinem Kind einen Krüppel zu machen!“

Zu meiner Kollegin, die noch immer auf meine Antwort wartet, sage ich: „Man muss schon ein gewisses Grundvertrauen haben und wir haben keinen Zweifel, dass Schelma in ihrer Kita gut aufgehoben ist.“

Nun, da wir das Tor der Offenheit bereits aufgestoßen haben, ist es an mir, eine Frage loszuwerden, die ich Schelmas Erzieherinnen nie habe stellen können.

„Sag mal“, möchte ich wissen. „Was ist das eigentlich für ein Gefühl, die Windeln von fremden Kindern zu wechseln? Mein Bedarf an vollen Windeln ist durch meine Schelma ehrlich gesagt mehr als abgedeckt.“

Sie blickt auf den Schaum ihres Milchkaffees, als wäre dort die Antwort vergraben. „Also das ist eigentlich kein Problem, man beginnt dann schon automatisch, durch den Mund zu atmen.“ Sie blickt nachdenklich auf den Kaffeeschaum, rührt ein bisschen darin herum, dann sagt sie, als wäre ihr der Gedanke jetzt erst gekommen: „Kotze ist viel schlimmer. Wenn du so einen Schwall vom Teppich kratzen musst, ist der Tag eigentlich gelaufen.“

Nun, neugierig geworden, bohre ich weiter. „Und gibt es auch Kinder, die man einfach nicht ausstehen kann?“

„Nicht ausstehen ist vielleicht etwas hart gesagt, aber natürlich gibt es unangenehme Kinder, die ich mir am liebsten vom Leib halte und bei denen ich es einfach als unangenehm empfinde, wenn sie mir zu nahe kommen und Körpernähe suchen. Dann drücke ich sie immer sanft, aber entschieden weg.“

„Und welche Meinung hast du von den Eltern?“

„Der Großteil ist recht locker drauf. Nur einen gibt es, der Radau macht, wenn er merkt, dass die Punkte, die auf dem Tagesplan vermerkt sind, nicht konsequent abgearbeitet und umgesetzt worden sind.“

Ich denke gerade darüber nach, dass der einzige Tagesplan, der bei uns rumhängt, der Essensplan ist – meistens jedenfalls.

Jetzt ist sie wieder an der Reihe: „Und wie ist bei den Eltern der Kontakt untereinander.“

„Ich weiß, dass einer der Väter Alkoholiker ist und gerne mal für vier Tage spurlos verschwindet. Ansonsten machen sie alle einen gutbürgerlichen Eindruck. Engeren Kontakt gibt es aber mit keinen der Eltern. Der Migrationshintergrund liegt jedenfalls auch eher in Europa.“

Ich denke an die gemalten Flaggen, die in unserer Kita am Fenster hängen und das Herkunftsland der Kinder bzw. ihrer Eltern anzeigen: Italien, Polen, Ungarn, ein bisschen Balkan, ein bisschen Ostasien und eine Flagge, bei der ich bis heute nicht herausgefunden habe, um was für ein Land es sich dabei handelt. In drei Monaten treffe ich meine Ex-Kollegin und nun Erzieherin in einer Kreuzberger Kita wieder. Vielleicht habe ich es bis dahin herausgefunden. Denn die Frage nach der ominösen Flagge konnte selbst sie mir nicht beantworten.

Wer kennt dieses Land?
Wer kennt dieses Land?

2 Kommentare zu „Reflexionen

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