Papi hat frei

Nach zwei Monaten Elternzeit, nach vielen unterbrochenen Nächten, frühmorgendlichen Spieleinheiten und nachmittäglichen Kuschelstunden, die sich bis in den Abend ziehen, schleiche ich mich in aller Frühe aus der Wohnung und mache mich auf dem Weg zum Flughafen. Zu der Zeit, in der ich Schelma normalerweise zur Kita bringe, steige ich tausend Kilometer entfernt aus dem Flieger und fahre in die Budapester Innenstadt.

Es soll ein kleiner Aufenthalt werden, der mich langsam wieder an das heranführen soll, was man gemeinhin als Arbeit bezeichnet. Doch die geplanten Termine platzen einer nach dem anderen. Also wandere ich durch die Stadt: Vom Oktogon bis zur Grossen Markthalle – 3 Kilometer in etwas weniger als 40 Minuten. Vom Blaha Lujza ter zum Szell Kalman ter – knapp 6 Kilometer in etwa 50 Minuten Stechschritt. Und anderntags wieder vom Blaha Lujza ter über den Oktogon zum Heldenplätz – 3 Kilometer in diesmal gemächlichen Minuten. Nicht mitgezählt sind hierbei die zahlreichen Abzweigungen, um das Fotoarchiv aufzufüllen.

Und so sehr ich auch versuche, mich abzulenken, kann ich das Gefühl nicht ignorieren, dass mir etwas fehlt. Niemand hält mir seine Socken vor die Nase, damit ich daran schnuppern und theatralisch umfallen kann, niemand niest mir ins Gesicht und sprüht das Mittagessen auf mein Hemd, niemand krallt sich an mir fest, sobald ich aufstehen will, niemand benutzt mich als Kletterburg und hinterlässt dabei eine meterlange Sabberspur…

Schelma, Papi kommt bald wieder und ich verspreche dir, dann darfst du so viel niesen, sabbern und auf Papi herumkrabbeln, wie du willst!

Advertisements

Mutterkuchen zum Dessert

Die Mutter eines Freundes erzählte mir einst eine Anekdote. Als sie vor knapp 40 Jahren ihren Sohn zur Welt brachte, teilte sie das Zimmer im Krankenhaus mit zwei anderen Damen. Eine davon sah ihre Hauptbeschäftigung darin, am Essen herum zu mäkeln. Bis es den anderen Damen zu bunt wurde. Als an einem Tag etwas auf dem Teller landete, das in der Tat nicht viel besser als organischer Abfall aussah, sagte die Mutter meines Freundes: „Das sind die Reste von unserem Kaiserschnitt.“ Die Nörglerin sprang auf und stürmte kreidebleich und mit dem Hand vor dem Mund aus dem Zimmer.

40 Jahre später haben sich die Essgewohnheiten verändert. Selbst aus dem Bekanntenkreis erreichen uns Geschichten, wie der Mutterkuchen als Snack oder in Pillen-Form für später mit nach Hause genommen wird. Danach ist mein Appetit auf die zum Abendessen geplante Lasagne rasch verflogen.

„Wenn die Frauen die Plazenta essen, sind sie energiegeladen, stehen am selben Tage auf, machen ihre Hausarbeit, sind äußerst rege“, lese ich dieser Tage in einem Forum. „Die Plazenta, oder auch Nachgeburt, wird hierbei zerschnitten mit Eiern vermengt und gebraten oder zu einem gar köstlichen Kuchen verarbeitet.“ Es werden in der Folge sogar konkrete Zubereitungstipps geteilt:

1)
800 g frische, gehackte menschliche Plazenta
1300 g Brokkoli
2 Eiweiss
¼ TL Thymian

Die Plazenta in einem Sieb waschen, es können noch Säfte austreten. Danach das Eiweiß zerschlagen und alle Zutaten mit der Hand vermischen. Die Plazenta in Öl zunächst auf hoher Stufe unter ständigem Rühren anbraten, dann langsam die Hitze runterschalten und köcheln lassen, bis alle Flüssigkeit verkocht ist.

2)
¾ gehackte menschliche Plazenta
2 Knoblauchzehen
½ TL Oregano
½ gehackte Zwiebel
2 EL Tomatenmark
1 Tomate
2 TL Olivenöl

Kurz die Plazenta mit den übrigen Zutaten anbraten, danach einfach euer liebstes Lasagne-Rezept nehmen und die Plazenta eine Lage Käse ersetzen lassen.

3)
¾ menschliche Plazenta, in mundgerechten Stücken
1 Dose Tomatenpüree
2 Dosen Tomaten
1 Zwiebel
2 Knoblauchzehen
1 TL Zuckersirup
1 Lorbeerblatt
1 TL Rosmarin
jew. 1 TL Salz, Honig, Oregano, Basilikum und Fenchel

Plazenta in 1 EL Butter und 1 TL Öl anbraten und dann mit restlichen Zutaten ca. 1 ½ Stunden köcheln lassen.

Wer Appetit bekommen hat, dem sei eine Lektüre empfohlen: 25 Placenta Recipes.

Ich für meinen Teil muss grad mal schlagartig das Zimmer verlassen. Und das Abendessen lasse ich heute wahrscheinlich auch ausfallen.

Es

Es bewegt sich. Ich spüre es. Direkt neben mir. Das Schnaufen, die ächzenden Geräusche, wie es sich aus dem Schlaf schält, wie seine Gliedmaßen zum Leben erwachen. Ich zögere kurz, lausche, ob es wieder ruhig wird, dann öffne ich die Augen und sehe nur Dunkelheit. Ich versuche, meinen Kopf lautlos zu drehen. Es ist da! Es steht direkt über mir und starrt mich an! Aus seinem Mund dringen schmatzende Geräusche und dahinter … höre ich … die Stimmen … Pa-pi, sagen sie … Pa-pi, spiel mit mir!

Das Licht der Lampe ist wie ein Schlag gegen die Augen. Das Ding schaut kurz irritiert, dann gibt es ein glucksendes Geräusch von sich und … ja, es grinst mich an. Hinter den Vorhängen erahne ich die Schwärze, der Tag hat sich noch nicht dazu entschließen können, aufzustehen. Ich schon. Ich kann nicht anders. Es will spielen.

Seit das kleine Ding einige Stunden des Tages außer Haus verbringt, hat es sich verändert. Es hat sich sogar sehr verändert. Anfangs robbt es noch eher, als dass es krabbelt. Dann werden die Bewegungen flüssiger. Und schneller. Es verfolgt dich. Du kannst dich nicht verstecken. Es riecht dich. In der Küche. In der Toilette. Überall.

„Es hat nun Klick gemacht“, sagt uns unsere Physiotherapeutin und wir wissen, was das bedeutet. Nun steht das kleine Ding bereits, noch nicht vollständig alleine, noch immer wacklig, aber es steht, und es macht Schritte. Immer mehr. Jeden Tag. Spätestens um 6 Uhr morgens, meist einiges davor, erwacht das kleine Ding zum Leben. Pa-pi, sagen die Augen. Pa-pi, spiel mit mir! Und Papa spielt. Immer und immer wieder. Während Papa sich von drei Stunden Morgenspieleinheiten erholt, ist das kleine Ding außer Haus, aber scheinbar nur, um seine Kräfte wieder aufzuladen.

Wenn es wieder nach Hause zurückkehrt, strotzen die Muskeln in den kleinen Armen und Beinen voller Energie wie bei einem Duracell-Häschen. Papa hat keine Chance. Er versucht es trotzdem. Er zieht, hebt, stemmt, kitzelt, die Beine des kleinen Dings strampeln heftig und treffen zielgenau. Dabei erklingt ein fröhliches Glucksen, das sich so anhört wie: Pa-pi, ich will kein Geschwisterchen!

Drei, vier weitere Stunden vergehen, bis wir beide schnaufend und erschöpft am Boden liegen. Dann mobilisiert das kleine Ding noch einmal die letzten Kräfte, zieht sich ein letztes Mal an Papis von Sabber und Schnodder übersätem Shirt hoch, schmiegt sich in meine Arme, blinzelt mich mit einem Lächeln an – und döst langsam ein.

Die Würstchen-Diskussion

Es ist Elternabend in der Kita.  Und von allen Themen, die besprochen werden, nimmt die Wurst-Diskussion den größten Raum ein.

Was war geschehen?

Ein Elternteil aus einer anderen Gruppe hat im Internet (erster Fehler) eine Studie gefunden (zweiter Fehler) und die Erkenntnisse schließlich den anderen Eltern und der Kita-Leitung vorgebracht (dritter Fehler). Und weil deutsche Staatsbürger gerne über alles diskutieren und abstimmen, wurde diskutiert und abgestimmt. Und nun gibt es in der anderen Gruppe keine Würstchen mehr, denn – das hat die Studie aus dem Internet gezeigt – Würstchen stehen auf der Gesundheitsskala ungefähr auf der selben Stufe wie Alkohol, Tabak und Asbest.

Doch damit nicht genug. Ich weiß nicht, ob es dieselbe oder eine weitere Studie war, aber durch diese erfuhren die Eltern auch von den Gefahren einer unterbrochenen Kühlkette. Bildlicher gesprochen heißt dies, dass klein geschnittenes Obst und belegte Brote auf ihrem Weg vom heimischen Kühlschrank auf dem Weg zur Kita (also die Unterbrechung der Kühlkette) bis in den Kita-Kühlschrank Bakterien entwickeln können, die zu einem langsamen und qualvollen Tod der Kinder führen. Die Sorge, ihre zarten Pflänzchen eingehen zu sehen, muss derart stark gewesen sein, dass die Kita-Mitarbeiterinnen nun das Obst in der Kita selber schnippeln dürfen.

Doch die Entscheidung einer Gruppe ist nicht automatisch bindend für die ganze Kita. So werden wir bei der Elternversammlung zunächst über die Asbest-Würstchen ebenso informiert wie über das klein geschnittene Todes-Obst und dürfen anschließend darüber diskutieren und abstimmen.

„Jede Studie, die so im Internet herumgeistert, kann man mit einer anderen Studie widerlegen“, hat uns unsere Kinderärztin gesagt. Scheinbar ist sie auch die Ärztin der anderen Kinder unserer Gruppe. Denn der Beschluss fällt eindeutig aus. Nachdem Pro und Contra abgewogen und ausdiskutiert worden sind, wird das Urteil verkündet und dann von der Gruppe mantraartig wiederholt, bevor es an Stärke gewinnt, zu einem Orkan anschwillt und durch die Kita schallt, dass das Obst im Kühlschrank zittert: Wir! Wollen! Würstchen! Wir! Wollen! Würstchen! WIR! WOLLEN! WÜRSTCHEN!