Elterngeld

Das Elterngeld macht es für Mütter und Väter einfacher, vorübergehend ganz oder auch nur teilweise auf eine Erwerbstätigkeit zu verzichten und so mehr Zeit für die Betreuung ihres Kindes zu haben.

Das Elterngeld ist eine wichtige Unterstützung für Familien nach der Geburt eines Kindes.

Das Elterngeld sorgt für meine erste Elternzeit-Depression.

Es ist ein Samstag, als der Brief endlich im Briefkasten liegt. Es ist die dritte Woche meiner Elternzeit und auf das Amtsschreiben warte ich seit über sechs Wochen. Ich habe viel kalkuliert in dieser Zeit. Habe vom Maximum geträumt und das Minimum erwartet, aber selbst das Minimum, so dachte ich, wird meine Laune nicht mindern können und uns wie eine bescheidene, aber zuverlässige Fähre ziemlich problemfrei durch die See der einkommenslosen Zeit navigieren.

Manchmal irrt man sich und manchmal irrt man sich sogar gewaltig.

Ich öffne den Brief, überfliege den Fließtext, blättere weiter und dort springen mir die Zahlen wie Hohn entgegen. Hatte ich das Minimum erhofft, so weiß ich jetzt: Die Hoffnung ist eine dumme Kuh. „Alles Verbrecher“, pflegt mein Opa zu sagen, wenn sich das Gespräch in irgendeiner Form über Politiker oder Ämter dreht. Wir haben das immer lächelnd abgetan. „Was für Verbrecher!“, rufe ich nun laut aus, das Amtsschreiben in den zittrigen Händen. „Was für Akten-Nazis!“ Meine Stimme überschlägt sich. Nur mit Mühe kann ich von meinem Laptop zurückgehalten werden, um eine deftige Antwort in die Tasten zu hacken und die Paragraphen zu verdammen.

Denn die sind es, die mich mir nichts dir nichts zum armen Schlucker machen.

„Aufgrund § Hähä haben wir es geschafft, ihr monatliches Einkommen so zu kalkulieren, dass für Sie am Ende so gut wie nichts raus springt. § Dumm gelaufen Abs. 2 lässt diesbezüglich auch keinen für Sie vorteilhaften Spielraum zu. Natürlich haben Sie die Möglichkeit eines Einspruchs, aber gegen die Paragraphen, die wir noch in der Reserve haben, kommen sie sowieso nicht an und können sich das Briefpapier eigentlich sparen.

Sie können sich natürlich auf Informationen aus dem Ministerium beziehen, aber die schreiben ihre Aussagen sowieso in einer Form, die jeder frei interpretieren kann und wenn ein Satz den Sinn des vorherigen Satzes aufhebt – umso besser für uns. Mit freundlichen Grüßen – und eine angenehme Elternzeit!“

Ich falle in eine Depression, die mich für einige Tage matt legt. Im Kopf kalkuliere ich schon, ab welchem Zeitpunkt wir nur noch das Brot vom Vortag kaufen können. Und als ich in meinen Rechenspielen bei den Kosten für die Windeln ankomme, macht es klick. Und ich weiß, was ich zu tun habe.

Es ist Nacht. Manche Dinge geschehen nur nachts, können gar nicht zu einer anderen Tageszeit passieren. Als gäbe es dafür eine ungeschriebene Regel. Die Straße ist leer. Und ich habe alles dabei, was ich brauche. Ich lasse den Müllbeutel von meiner Schulter gleiten. Ich bin den ganzen Weg zu Fuß gegangen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln hätte ich zu viel Aufmerksamkeit auf mich gezogen. Denn ich habe die Spielzeugwaffen zu Hause gelassen und nur das schwere Zeug mitgenommen, die scharfe Munition. Mit dem Kleinkram habe ich mich gar nicht mehr befasst. Wenn Schelma wieder ein Unterhosenmassaker veranstaltet hat, wenn das üppige Mittagessen in einer Lieferung kam, war das gerade gut genug. Und jetzt habe ich ein Arsenal bei mir, das einen Drachen aus den Latschen hauen würde.

Das erste Mal kostet es noch Überwindung, halten mich gesellschaftliche Konventionen, Erziehung oder was auch immer zurück – doch ich brauche nur an das Wort Paragraph zu denken, schon funktioniert mein Arm automatisch, holt weit aus, hat den optimalen Schwung und meine Munition zerplatzt am Eingangsportal. Es ist das Frikassee aus der Kita. Zumindest der unverdaute Teil. Ich lache irre und werfe die nächste Bombe. Und wieder, und wieder, und wieder. Es stinkt wie in einer Güllegrube.

Und ich bin traurig.

Nicht, weil ich es tue.

Sondern, weil ich es nur im Traum tue.

Und weil ich, sobald ich aufwache, trotzdem das Briefpapier verschwenden werde.

Aber noch ist der Traum nicht vorbei.

Und noch habe ich Munition.

Attacke!

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„Wollen Sie noch mehr Kinder?“

Wir haben es gut. In fußläufig nur 15 Minuten stehen uns gleich mehrere Parks, Grünanlagen und Spielplätze zur Verfügung, in denen Schelma sich Sand über den Kopf schütten, in der Erde wühlen oder Grasbüschel ausreißen kann. Um Abwechslung in den grünen Alltag zu bringen, starten wir jedoch regelmäßig zu Entdeckungstouren über die Kiezgrenzen hinaus. Es sind Ausflüge voller Hürden und Herausforderungen.

Die erste begegnet uns gleich an unserer U-Bahn-Station. In der Regel haben wir hier eine 50:50-Chance, ob der Aufzug funktioniert oder nicht. Ich kann keine Statistiken vorweisen, gefühlt funktioniert er jedenfalls meistens nicht. Immerhin kann Papi dann wieder eine kurze Trainingseinheit einlegen. Ist Papi nicht dabei, hat Mutti übrigens Pech. Sollte wider Erwarten doch einmal jemand seine Hilfe anbieten, spricht er meist gebrochen deutsch und hat einen dunklen Teint. Kein Wunder, woher Schelmas Vorliebe für die schönen dunklen Männer rührt.

Viele sind übrigens nicht nur zu faul zum Helfen, sondern auch zum Gehen. Gegen gebrechliche Omas mit Gehhilfen will ich nichts sagen. Und Fahrräder? Ok, geschenkt. Doch diejenigen, die Aufzüge am häufigsten blockieren, tun dies aus reiner Bequemlichkeit. Am Bahnhof Jungfernheide konnte es eine Dame gar nicht eilig genug haben. Statt sich zumindest hinter den wartenden Kinderwagen anzustellen, drängelte sie gleich nach vorne, als der Aufzug sich öffnete. Ohne Gehhilfe und ohne Fahrrad. Als Entschuldigung kann ich höchstens anführen, dass sie wirkte, als wäre sie irgendwo aus dem betreutem Wohnen ausgebüxt.

Wenn wir zusammen mit einem anderen Kinderwagen mitsamt Eltern eingepresst im Aufzug stehen, werde ich oft auch an mein Auslandssemester als Student erinnert. Damals bestand die wesentliche Konversation aus zwei Kernfragen:

Where are you from?
What do you study?

Als Großstadt-Eltern im Aufzug muss man in der Regel auch nur auf zwei Fragen antworten:

How old is she?
What is her name?

Das zumindest sind noch die angenehmeren Begegnungen. Anders als der Herr, der schon einen gruseligen Eindruck gemacht hätte, ohne mit ihm auf zwei Quadratmetern zusammengepfercht zu sein. Er bleckt die Zähne, zieht sie zu einem breiten Grinsen, leckt sich die Lippen, fragt:

Ist es Mädchen oder Junge?
Wie alt ist sie?

Bis hierhin geht es noch.

Wie heißt sie?

Es geht schon an langsam die Toleranzgrenze.

Wollen Sie noch mehr Kinder?

WHAT.THE.FUCK?!

Manchmal stinken einem nicht nur die Fahrgäste, sondern der Aufzug an sich. Am Bahnhof Zoo riechen sie irgendwie immer nach Pisse. Den Vogel hat aber jemand am Hermannplatz abgeschossen. Der kackte direkt in den Aufzug. Ich will nicht sagen, dass die Berliner S- und U-Bahn-Aufzüge nur von Spinnern und als öffentliche Toilette benutzt werden. Viele sind sauber und funktionieren reibungslos. Komischerweise erwischen wir nur immer die anderen.

Auf dem Spielplatz

– Wo ist mein Kind? Sieht jemand mein Kind?
– Ich sehe nur Toni. Er hängt gerade am Bein von Lutz.
– Und Schelma?
– Schelma spielt und lässt sich von gar nichts beeindrucken.
– Hey, welches Kind trägt blaue Schuhe? Ich sehe durch den Busch nur blaue Schuhe!

Wir Eltern hocken hinter dem Zaun wie eine Bande Pädos und beobachten heimlich, was sich auf dem Spielplatz abspielt. Es ist immer noch Eingewöhnungsphase in der Kita und unsere Sprösslinge sollen sich an das Leben ohne uns gewöhnen, miteinander agieren und interagieren. Und der Spielplatz ist das Experimentierfeld par excellence.

Spielplätze erinnern mich immer an Gefängnisse, Parallelwelten mit eigenen Hierarchien. Der Ton auf Spielplätzen ist rau. Einmal harke ich mit Schelma den Sand, den sie sich Sekunde vorher über den Kopf geschüttet hat. Da höre ich hinter mir einen Disput. „Du bist so bescheuert, meine Güte“, faucht ein Vater mit Hornbrille, Strohhut und dünnen Gliedmaßen seinen etwa achtjährigen Sohn an, der sein T-Shirt mit Fruchtsaft verziert hat.

Barsche Worte gibt es jedoch nicht nur zwischen Eltern und Kindern. Eines Tages erdreistet sich eine Dame – schick im Kostüm und hochhackigen Schuhen und einem Kind, das einen französischen Namen trägt – ihren Hund mit auf den Spielplatz zu nehmen. Es ist kein Pitbull, keine Kampfmaschine, eher ein Hund Marke Fußhupe. Dass er angeleint an der Bank sitzt, erträgt man noch zähneknirschend. Doch als er sich los macht und im Sand umher wuselt, ist der Rubikon überschritten. Mit Schimpf und Schande wird die Dame im Kostüm vom Spielplatz gejagt. Es fehlte nicht viel, dass man sie noch mit Sand und Spielzeug verfolgt und beworfen hätte.

Zur Kampfzone auf den Spielplätzen wird in schöner Regelmäßigkeit die Schaukel. Es gibt jene Mütter, die sich nach langer Zeit und scheinbar zufällig wieder treffen. Das Wiedersehen findet dann überraschenderweise meist an der Schaukel statt und während ihre Kinder durch die Lüfte fliegen, schwelgen sie in ihren Erinnerungen, 5, 10, 20 Minuten lang – und die angestaute Schlange aus genervten Eltern und quengelnden Kindern scharrt bereits mit den Hufen.

Manchmal hilft ein Trick: Scheinbar zum Kind (aber natürlich so laut, dass es die Zielpersonen auch hören) sagen wir etwas wie: „Aber ja, wir schaukeln auch noch. Jeder kommt mal dran. Das andere Kind ist sicher gleich fertig.“ Das „gleich“ ziehen wir dabei in die Länge und betonen es kräftig. Gleichzeitig werfen wir einen Blick über die Schulter, um sicher zu gehen, dass die Botschaft bei der Zielperson auch unmissverständlich angekommen ist.

Wenn selbst das nicht hilft, wird es hässlich und schmutzig. Einmal will ein Kind Schelma partout nicht schaukeln lassen, steht einfach nur da und blockiert. Ein Rotzefaden hängt dem Mädchen aus der Nase.
„Willst du uns nicht auch einmal schaukeln lassen?“, frage ich sie.
Keine Reaktion.
„Dir hängt was aus der Nase, willst du dir nicht ein Taschentuch holen?“
Keine Reaktion.
Dann beuge ich mich zu hier hinunter, verenge die Augen zu Schlitzen und flüstere ihr zu: „Du bist hässlich und keiner will mit dir spielen.“
Da zieht das Gör ab und wir haben die Schaukel.

In einem Elternmagazin habe ich gelesen, dass ein Kind alles, was für einen sozialen Umgang wichtig ist, erst noch lernen müsse. Dafür brauche es die Auseinandersetzung mit anderen. Und die Anleitung seiner Eltern.

Schelma ist in den letzten Wochen und Monaten zwar sehr flink geworden, auf den eigenen Beinen stehen kann sie aber noch nicht. Das ist ein Nachteil, wenn ein Bengel auf zwei Beinen ankommt und ihr das Spielzeug klaut. „Och, Jooni, das macht man aber nicht“, säuselt die Mutter und weist ihr Kind an, die unrechtmäßig angeeignete Harke zurückzugeben.

Schelma ist allerdings nicht nachtragend und bietet dem Bub mit ausgestrecktem Arm eine Backform an. Er lächelt, streckt die Hand aus, und just in dem Moment, in dem er die Backform greifen will, zieht sie Schelma mit einem Ruck zurück und lacht sich ins Fäustchen. Da fängt das Muttersöhnchen an zu heulen. „Och, das war aber gemein“, empört sich die Muttersöhnchen-Mutti. Das „gemein“ zieht sie dabei in die Länge und betont es kräftig, damit ich es auch nicht überhöre.

Und ich entgegne voller Stolz: „Das hab ich ihr beigebracht!“

Schelma und die schönen Männer

„Wow, mit den Haaren und den Augen muss dich Papi später ja einsperren“, sagt unsere Physiotherapeutin, als sie Schelma zum ersten Mal sieht. Ich lächle geschmeichelt. Nun befürchte ich, dass diese Zeiten eher kommen, als es Papi lieb ist. Dabei haben wir schon gedacht, dass Schelma zu den Männern eher auf Distanz geht. Opa kann ein Lied davon singen. Opa ist nicht böse, aber jedes Mal, wenn Schelma ihn sieht, fängt sie an zu weinen.

Besonders schlimm ist es zu ihrem ersten Geburtstag. Auf der Straße muss Opa fünf Meter hinter uns laufen. Will er sich nähern, springen Schelmas Sensoren an und dicke Tränen purzeln über ihre Wangen. Und in der Wohnung sitzt Opa in der Ecke und traut sich gar nicht mehr, Schelma überhaupt anzusehen. Es ist für ihn nur ein schwacher Trost, dass Schelma bei meinem Schwager dasselbe Theater abspielt. Erst einen Tag später lässt sie Opa ran. Er darf sogar ganz nah zu ihr und Fotos mit ihr machen. Auf denen grinst sie nur schelmisch. Und Opa strahlt heller als die Sonne.

Vielleicht liegt es an der Haarfarbe. Schelma mag die dunklen Typen. Im Regionalzug nach Stettin wirft sie einen Blick auf den Zigeuner, der uns gegenüber sitzt. Es beginnt mit gegenseitigem Lächeln, am Ende bringt sie ihn dazu, für ihn zu steppen. Generell sind die öffentlichen Verkehrsmitteln und Parks Schelmas Jagdgebiet.

Sie guckt sich einen schmucken Südländer aus und beginnt mit der Lächeloffensive. Es dauert nicht lange, bis der Auserwählte anbeißt, das Lächeln erwidert und seinerseits in die Offensive geht, mit den Augen rollt, die Zunge rausstreckt, Grimassen schneidet. Schelma beherrscht die ganze Palette, sie lässt verführerisch ihre 5 ½ Zähnchen aufblitzen, klimpert mit den Wimpern, spielt lasziv mit ihrer Zunge. Wenn schließlich die Auserwählten an ihrer Endstation angekommen sind, winken sie Schelma noch einmal zu und steigen mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht aus. Und Schelma sucht unterdessen bereits ein neues Zielobjekt.

Wie soll das nur enden? Ich werfe mich nachts von einer Seite auf die andere, schwitze das Laken durch, und dieses eine Lied will mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, erinnert mich fortwährend an meine kleine femme fatale:

‚Cause everybody knows
(She’s a femme fatale)
The things she does to please
(She’s a femme fatale)
She’s just a little tease
(She’s a femme fatale)
Ooh ooh oh
(She’s a femme fatale)
Ooh ooh oh