Zeit der Zärtlichkeit

Der Kita-Fluch sucht uns gleich in der ersten Woche heim und legt die ganze Familie flach. Wobei Schelma noch am wenigsten davon abbekommen hat. Schelma hüstelt und schnieft ein bisschen, wir jedoch sind nach zwei Tagen reif für die Tuberkulose-Anstalt und schleppen uns durch den Tag. Wenn Mutti lacht, klingt sie wie die Overvoice beim „Zirkus des Horrors“. Doch nach den ersten Tagen in der Kita ist es nicht unser siecher Gesundheitszustand, der uns am meisten wundert, sondern Schelmas neues Wesen. Sie ist auf einmal so … kuschelig. Natürlich hat sie nie gekratzt, geschrien und mit ihren 5 ½ Zähnchen nach uns gebissen, wenn wir sie auf den Arm genommen haben. Aber es hat sie auch nicht gestört, wenn wir das mal eben nicht gemacht haben.

Nun wache ich mitten in der Nacht auf, weil mir ein Fuß im Kreuz steckt, während ich halb aus dem Bett hänge. Ich will in aus alter Gewohnheit wegdrücken, als ich bemerke, dass meine Frau so kleine Füße doch gar nicht hat. Ich drehe mich um und sehe Schelma, die quer im Bett liegt und ihr kleines Ästchen sägt. Aus den Minuten zuvor kann ich mich nur an dunkle, sehnsuchtsvolle Schreie erinnern, die aus Schelmas Kinderbettchen schallten. Anstatt wie in den Nächten zuvor irgendwann zwischen 1 und 3 Uhr das Trost- und Streichelprogramm anzubieten, landet Schelma nun gleich bei uns im Bett – und fällt sofort in tiefen, seligen Schlaf.

Schelmas Kuschel- und Nähebedürfnis beschränkt sich nicht nur auf die Nächte. Mutti ist nun auch tagsüber die Liebste und Schönste, Wärmste und Weichste. Und Papa ist gut zum Klettern. Besonders sein Gesicht. Schelma bereitet sich im Basislager auf den Aufstieg vor. Sie schnauft noch einmal durch, dann ächzt und stöhnt sich am Arm entlang auf die Brust, findet mit ihren Finger Halt in Papas Hals und legt eine Verschnaufpause ein. Anschließend zieht sich dann bis auf das Gesicht vor. Um den Halt zu stabilisieren, werden eine Hand auf die Stirn, die andere knapp unters Auge platziert.

Auf dem Gipfel angekommen, genießt Schelma die Aussicht. Dann beginnt der Abstieg, indem sie ihre Hände in die Haare krallt und dann ihren Körper langsam über Papas Gesicht wieder Richtung Boden zieht, während ihr Ellbogen gegen meinen Kehlkopf drückt. Danach hat sie rote Backen und pustet schwer. Schelma hat zudem ihre eigene Version der alpenländischen Kraftsportart Fingerhakeln entwickelt. Dabei greift sie mit Zeige- und Mittelfinger in Papas Nase und versucht, ihn wie eine Schweizer Bergkuh zu sich heranzuziehen.

Und Papa weiß dann immer ganz genau, wann es wieder Zeit ist, Fingernägel zu schneiden.

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