Super, toll, klasse: Kita-Suche in der Großstadt

Schelma ist seit ein paar Wochen auf der Welt, als wir uns der scheinbar unlösbaren Aufgabe stellen, einen Kita-Platz für sie zu finden. Bei der Wortkombination „Großstadt“ und „Kita-Platz“ ist das mitleidige Lächeln vorprogrammiert, kombiniert mit zusätzlichen Ausrufen wie „oh Gott“, „eine Katastrophe“ oder „viel Glück“.

Geschichten dringen zu uns von Eltern, die schon mit dem positiven Schwangerschaftstests in den Kitas aufschlagen, um sich überhaupt eine Chance offen zu halten. So schlimm wird es schon nicht sein, sprechen wir uns selbst Mut zu. Die Kita-Dichte in unserem Kiez lässt uns auch nicht verzweifeln, die Suchmaschine spuckt eine ganze Reihe von Kindereinrichtungen aus. Wir vergleichen sie mit unserem Kriterienkatalog und sehen die Liste langsam in sich zusammenschrumpfen.

Auf das deutsch-spanische „Karussell“ können wir nicht aufspringen. Spätestens unsere deutschen und polnischen Pässe hätten uns verraten. Und außerdem mögen wir sowieso beide kein Spanisch. Konfessionelle Kindergärten können wir ebenso abhaken. Zum Unmut der Familie haben wir Schelma nicht einmal taufen lassen. Da wir eine Kita brauchen, die Kinder bereits ab dem 1. Lebensjahr aufnimmt, bleiben von unserer langen Liste schließlich fünf Namen stehen. Einige Anrufe später haben wir unsere Termine.

In den Tagen vor den ersten Vorstellungsgesprächen trainieren wir vor dem Spiegel unser Super-Eltern-Lächeln und versuchen, so überzeugend wie möglich „Super!“, „Toll“! oder „Klasse!“ aufzusagen. Zum Termin stecken wir Schelma in die süßesten Klamotten, die wir für ihre Größe zur Verfügung haben. Der Effekt ist wie gewünscht. Viele „Oohs“ und „Achs“ erwarten uns schon an der Eingangstür. Voller Stolz zeigen uns die Erzieherinnen die Räume, preisen ihre Pädagogikkonzepte und Bildungspläne und holen, als müssten sie einen Beweis nachliefern, einen dicken, staubigen Ordner aus einem Regal, den sie wie ein Schild vor uns schwenken. „Wir halten uns sehr eng an das Konzept daran und holen jedes Kind dort ab, wo es steht“, betonen sie.

Keine der Kitas, die wir besuchen, macht einen schlechten Eindruck. Hier geht der Ausblick aus dem Fenster mal auf eine Mülltonne, dort ist es düster wie im Böhmerwald, aber das ist nichts, was abschreckt. Wir wissen, wir können nicht allzu wählerisch sein. Nur irgendwie komisch riechen sie alle. Zwar riecht das eigene Kind auch ziemlich oft ziemlich komisch, aber daran hat man sich schnell gewöhnt. Während der Führungen durch die Räumlichkeiten halten wir uns an unseren Plan und geben so oft ein „Super!“, „Toll“! oder „Klasse!“ von uns, dass es uns selbst fast schlecht wird.

„Essen bekommen wir von einem Caterer geliefert!“ – „Super“!

„Auf Wunsch essen die Kinder auch vegan!“ – „Toll!“

„Die Eltern sind angehalten, sich aktiv zu beteiligen und einmal im Monat für alle zu kochen und zu waschen!“ – „Klasse!“

Selbst zu den neugierigen Bälgern, die ihre Klebefinger in Schelmas frisch gewaschene Haare patschen, finden wir nur die liebsten Worte. Und da die Erzieherinnen laut Pädagogikkonzepten zu interessierten Eltern ebenfalls nett sein müssen, laufen wir allesamt strahlend wie eine Osram-Birne durch das Haus. Zumindest bis zur entscheidenden Frage, der einzigen, die uns wirklich interessiert: Wie lang ist die Warteliste? Darauf hören wir meist ein „Tja…“. Das „Tja“ heißt übersetzt: „Verdammt lang, und ihr könnt so viel lächeln wie ihr wollt, aber davon wird sie auch nicht kürzer.“

Wir verewigen uns auf allen Listen, die uns vor die Nase gelegt werden, wissen aber, das wird nicht reichen. Vor dem nächsten Frühjahr würden wir sowieso unwissend bleiben. Als das Jahr dem Ende entgegengeht, holen wir unsere Geheimwaffe raus. Den Tipp hatte uns eine Bekannte gegeben, die daraufhin von allen Kita-Bewerbungen Zusagen einheimste. Der Trick: eine Weihnachtsfotokarte. Wir stecken Schelma in die hübschesten Klamotten, die wir zur Verfügung haben, binden ihr eine rote Schleife um den Kopf und versuchen die nächsten 30 Minuten, sie a) zum Lächeln zu bringen und b) zum richtigen Zeitpunkt auf den Auslöser zu drücken. Beides gestaltet sich schwierig.

Von den 23 Aufnahmen schaffen es schließlich fünf in die Endauswahl. Wir basteln uns online eine Weihnachtsfotokarte zusammen, garnieren sie mit Schelmas lieben Grüßen und Großstadt-Papi persönlich steckt sie den Kitas in die Briefkästen. Und es tut sich – nichts. Nicht, dass die Karte nicht registriert worden wäre, wie spätere Nachfragen ergeben – „Sie waren doch die mit der schönen Karte“, „Eine schöne Geste, über die wir uns sehr gefreut haben“, „Natürlich erinnern wir uns Sie, vor allem an die schöne Karte“ – nur zu einer endgültigen Zusage kann sich keiner durchringen. Dann, einige Zeit später, kommt der Anruf von der Piraten-Kita. „Wir hätten einen Platz für Sie, das hat jetzt aber nichts mit Ihrer Karte zu tun, über die wir uns dennoch sehr gefreut haben.“

Nichts mit der Karte zu tun?!

Egal!

Mission Kita-Suche erfüllt!

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