Zeit der Zärtlichkeit

Der Kita-Fluch sucht uns gleich in der ersten Woche heim und legt die ganze Familie flach. Wobei Schelma noch am wenigsten davon abbekommen hat. Schelma hüstelt und schnieft ein bisschen, wir jedoch sind nach zwei Tagen reif für die Tuberkulose-Anstalt und schleppen uns durch den Tag. Wenn Mutti lacht, klingt sie wie die Overvoice beim „Zirkus des Horrors“. Doch nach den ersten Tagen in der Kita ist es nicht unser siecher Gesundheitszustand, der uns am meisten wundert, sondern Schelmas neues Wesen. Sie ist auf einmal so … kuschelig. Natürlich hat sie nie gekratzt, geschrien und mit ihren 5 ½ Zähnchen nach uns gebissen, wenn wir sie auf den Arm genommen haben. Aber es hat sie auch nicht gestört, wenn wir das mal eben nicht gemacht haben.

Nun wache ich mitten in der Nacht auf, weil mir ein Fuß im Kreuz steckt, während ich halb aus dem Bett hänge. Ich will in aus alter Gewohnheit wegdrücken, als ich bemerke, dass meine Frau so kleine Füße doch gar nicht hat. Ich drehe mich um und sehe Schelma, die quer im Bett liegt und ihr kleines Ästchen sägt. Aus den Minuten zuvor kann ich mich nur an dunkle, sehnsuchtsvolle Schreie erinnern, die aus Schelmas Kinderbettchen schallten. Anstatt wie in den Nächten zuvor irgendwann zwischen 1 und 3 Uhr das Trost- und Streichelprogramm anzubieten, landet Schelma nun gleich bei uns im Bett – und fällt sofort in tiefen, seligen Schlaf.

Schelmas Kuschel- und Nähebedürfnis beschränkt sich nicht nur auf die Nächte. Mutti ist nun auch tagsüber die Liebste und Schönste, Wärmste und Weichste. Und Papa ist gut zum Klettern. Besonders sein Gesicht. Schelma bereitet sich im Basislager auf den Aufstieg vor. Sie schnauft noch einmal durch, dann ächzt und stöhnt sich am Arm entlang auf die Brust, findet mit ihren Finger Halt in Papas Hals und legt eine Verschnaufpause ein. Anschließend zieht sich dann bis auf das Gesicht vor. Um den Halt zu stabilisieren, werden eine Hand auf die Stirn, die andere knapp unters Auge platziert.

Auf dem Gipfel angekommen, genießt Schelma die Aussicht. Dann beginnt der Abstieg, indem sie ihre Hände in die Haare krallt und dann ihren Körper langsam über Papas Gesicht wieder Richtung Boden zieht, während ihr Ellbogen gegen meinen Kehlkopf drückt. Danach hat sie rote Backen und pustet schwer. Schelma hat zudem ihre eigene Version der alpenländischen Kraftsportart Fingerhakeln entwickelt. Dabei greift sie mit Zeige- und Mittelfinger in Papas Nase und versucht, ihn wie eine Schweizer Bergkuh zu sich heranzuziehen.

Und Papa weiß dann immer ganz genau, wann es wieder Zeit ist, Fingernägel zu schneiden.

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Simply Red

Schelma muss ein Wunderwesen sein. Schon die Schwestern im Krankenhaus sind entzückt. „Toll, endlich mal was anderes“, sagen sie, als sie den rötlichen Flaum sehen, der sich auf Schelmas Köpfchen ausbreitet. Da weder Vater noch Mutter einen rötlichen Einschlag haben (und in beiden Familien in den letzten vier Generationen ebenfalls niemand dieser Laune der Natur ausgesetzt war) gehen wir davon aus, dass es sich bald herauswächst.

Doch das tut es nicht. Während die deutsche Seite der Familie entzückt ist, mehren sich auf der polnischen die Sorgen. „Und wie geht’s ihr? Hat sie immer noch die roten Haare?“, fragt die Stettiner Oma. Als wäre das so etwas wie ein Ausschlag. Doch ich weiß, sie macht sich nur Sorgen.

Wir wissen aus eigener Erfahrung aus der Kindheit, dass die „Roten“ immer für Spott gut sind. Und das scheint sich bereits abzuzeichnen. Als wir in der U-Bahn unterwegs sind, wendet sich ein kleines Mädchen zu ihrer Mutter und sagt auf Polnisch: „Oh schau mal, wie ein Eichhörnchen.“ Sie wissen nur nicht, dass wir jedes Wort verstehen. Im Regionalzug nach Stettin stellt die Zugbegleiterin fest: „Du hast aber ein schönes Erdbeer-Blond“. Und auf dem Wochenmarkt ist es der italienische Verkäufer, der Schelma mit dem Prädikat „Karotte“ versieht. Da weint sie. Zuletzt passiert es im Supermarkt. Ein Dummbeutel kommt zu der herausragenden Erkenntnis „Mutti blond – Tochter rot“. Dann lacht er wie ein degenerierter Idiot.

Das kommt vor, aber viel öfter noch ernten wir bewundernde Blicke, viele „Ach“ und „Wie schön“ und „Was für tolles Haar“. Während unseres Urlaubs im schwarzhaarigen Portugal wird Schelma fast wie eine Gottheit verehrt. Und auch die Oma in Stettin hat das Wunder der rötlichen Pracht nun akzeptiert: „Na ja, Hauptsache, sie ist gesund.“

Wenn die Kommentare über meine Haare nicht aufhören, komme ich euch besuchen. In euren Träumen.

Und wenn die Kommentare über meine Haare nicht aufhören, komme ich euch besuchen.

FÜR IMMER!

In euren Träumen! Muahahaha….

 

Schelma als Meister Yoda

Nur keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Wir wissen nicht, was die Kita-Mitarbeiterin bei uns möchte. Sehen, ob wir im Siff leben? Wissen, mit was für Eltern ihr künftiger Schützling seine Tage verbringt? Welchen Einflüssen er ausgesetzt ist? Die Fragen zermartern uns. Ich lenke mich ab, indem ich alle Steckdosen babysicher mache, mein Werkzeug-Equipment aus Schelmas Reichweite entferne und das Parkett bohnere.

Sie kommt pünktlich, im Treppengang höre ich sie schwer atmen. Ich empfange sie an der Tür, nehme ihr die Jacke ab, begleite sie ins Wohnzimmer, biete ihr Wasser an. Sie stellt sich vor, doch ich verstehe ihren Namen nicht, deswegen soll sie hier „Lutz“ heißen. Ich habe neulich einen Film gesehen, in dem die Hauptdarstellerin auch so genannt wurde.

Ich versuche, aus ihrem Blick ihre Absichten herauszulesen. Doch ihr Pokerface verrät nichts. „Ich möchte Ihnen einige Fragen stellen“, sagt Lutz, als sie sich gesetzt und einen dünnen Ordner aufgeschlagen hat, aus dem sie einen seitenlangen Fragenkatalog fischt. „Ok“, sagen wir und schlucken.

Und dann fragt sie. Was erwarten Sie von der Kita? Womit spielt Schelma gern? Wie akzeptiert sie ein Nein? Was liest sie gern? Was ist ihr Lieblingslied? Welche Sprache spricht sie am häufigsten? Welche Bezugspersonen hat sie außer Ihnen? Wir antworten nach bestem Gewissen. Und so ehrlich wie möglich. Nun weiß Lutz, dass Schelma gern mit Steckdosen und Handys und Grasbüscheln spielt und dass sie ein Ehrgeiz-Defizit hat (das natürlich schon viel, viel besser geworden ist). Dass sie zwar mehrere Sprachen hört, aber noch keine sprechen kann und dass sie am liebsten das Lied „In einem Polenstädtchen“ hört, ein alter Wehrmachtschlager, der aber auch schon von Heino gesungen wurde. Gefühlte 64 Fragen später bedankt sich Lutz, steht auf und verabschiedet sich. Wir bleiben zurück, allein mit unseren Gedanken.

Nur wenige Tage später kommt es zum Wiedersehen. Es ist Schelmas erster Tag in der Kita, D-Day. Und er beginnt mit großem Staunen. Schelma sitzt da und staunt. 5 Minuten. 10 Minuten. Ihr Mund steht offen, die Augen sind groß und sie staunt weiter. Nach 15 Minuten hat sie ausgestaunt und beginnt zu spielen. Und leider müssen wir feststellen, dass die anderen ihr an Flinkheit und Schnelligkeit immer noch einiges voraus sind. Um sie herum wuselt es wie ein Ameisenhaufen, sie nimmt es gelassen hin. Nimmt ihr jemand das Spielzeug weg, schnappt sie sich ein neues.

Schelma lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen. Im Gegensatz zu Jasper. Als seine Mutti verschwindet, beginnt er zu weinen, erst leicht dann wächst das Schluchzen zu einem Brüllen und wandelt sich in pure Hysterie. 45 Minuten lang. Nach wenigen Minuten sind die anderen angesteckt und füllen die Kita mit ihrem Tränengesang. Nun schlägt Schelmas Stunde. Sie macht den Meister Yoda, checkt mit weisem, analysierendem Blick die Lage und räumt, da ihr nun niemand mehr das Spielzeug wegnimmt, in Seelenruhe die Kiste mit den Plastiktieren aus.

Vielleicht könnte Schelma in Toni einen Seelenverwandten getroffen haben. Toni weint auch nie, außer, wenn er sich die Finger in der Tür klemmt. Und Toni liebt Essen. Als ein Papa zum Geburtstag seines Sprösslings Bio-Muffins ohne Zucker mit Bio-Erdbeeren vom Land in die Kita mitbringt, stürzt sich Toni darauf wie ein Ferkelchen. Schelma bekommt keinen ab. Sie nimmt es yodaisch gelassen. Die Mütter haben sich schon vorher das mitgebrachte Rezept angeschaut und abgewunken. Muffins ohne Zucker? Geschmeckt sie haben scheußlich.

Hey Joe: Der erste Elternabend

Wir sitzen auf Yoga-Matten am Boden und bilden einen Kreis. Vorher müssen wir unseren Namen ablegen und bekommen den unseres Nachwuchses auf Papier an die Brust getackert. Ab diesem Zeitpunkt existieren wir nicht mehr als eigenständige Identitäten.

Die Kita-Leiterin betritt wie eine Hohepriesterin mit einer Klangschale in der Hand den Raum und lässt den Gong durch die Luft vibrieren, das Zeichen für den Beginn. Wir sitzen stramm. Erzieher Johannes rückt seine Nickelbrille zurecht und schnappt sich die Klampfe. Auf seinem Gesicht, das von einer Albrecht-Dürer-Frisur eingerahmt ist, leuchtet ein entrücktes Lächeln auf und zu seinen 3-Finger-Akkorden stellt er fest:

„Alle Kinder sind schon da,
alle Kinder sind schon da,
die Schel-ma ist da,
der Jo-na-than ist da,
der Mo-ham-med ist da…“

Wir sind erstarrt. Uns bleibt der Mund offen stehen. Elf Mal insgesamt stellt der Kita-Jimi Hendrix fest, wer da ist und lediglich drei Mal sind es Mädchen. Was für ein Raubtierkäfig ist das hier? Wie soll Schelma unter solchen Bestien überstehen, die zwar schon krabbeln kann, aber noch nicht schnell genug ist, um sich vor den kleinen Raubtieren in Sicherheit zu bringen?

So wie vor dem kleinen Shogun, der vor Kraft strotzt und den Fußboden des kompletten Raums durchpflügt, bevor er auf das älteste Baby stößt, 1,5 Jahre und die einzige, die sich schon selbstständig und aufrecht auf beiden Beinen halten kann – zumindest solange, bis Shogun in sie rauscht. Sie kommt ins Wanken und kracht auf Shogun nieder. Eine Sekunde herrscht Verwunderung über den Zusammenstoß. Dann bricht das große Geschrei aus. „Ich bin froh, dass ich nicht wissen werde, was in der Kita alles passiert“, flüstert uns eine Sitznachbarin auf der Yoga-Matte zu. Ich sehe meine Schelma schon als Vorspeise der Bestien.

Nach der Singstunde dürfen die Eltern noch ihre Sorgen und Fragen loswerden. Es ist nur eine: „Ist es überhaupt möglich, ein Dutzend Kinder gleichzeitig zum Schlafen zu bringen?“

„Ja, es ist möglich.“
„Wie?“
Schweigen.
„Wie?!“
„Es ist möglich!“

Dann ist unser erster Elternabend auch schon vorbei. Wir schnappen uns noch eine ausliegende Broschüre über „Körperwahrnehmung und körperliche Neugier kleiner Kinder“ (hatte Berlin-Oma da vielleicht als Ghostwriterin ihre Finger im Spiel?) und treten niedergeschlagen den Heimweg an. Wäre es nicht besser, Schelma noch ein Jahr zu Hause zu behalten? Oder zwei? Oder bis zur Einschulung? Aber es ist zu spät, die Verträge sind unterschrieben, die Lastschriftgenehmigung erteilt. Und der nächste Termin steht schon fest: Ein paar Tage später hat sich der Kita-Hausbesuch angesagt und wir denken nur, uh, where you gonna run to now, where you gonna run to?

Training mit Baby

Als die Zusage von der Kita steht, schnappe ich mir Schelma aus dem Bett, stemme sie in die Höhe und rufe „Zwycięstwo!“ – polnisch für „Sieg“. Schelma kringelt sich in der Luft vor Lachen. Sie ist an unsere Sporteinheiten schon gewöhnt. Ich vergesse im Überschwang der Gefühle leider nur, dass es bereits Schelmas Schlafenszeit ist – und versuche die nächste Stunde, meinen Fauxpas wieder gutzumachen.

Das schöne an einem Baby ist, dass man im Grunde auf gar nichts verzichten muss. Integration ist das Zauberwort. Statt Schelma mit ins Sportstudio zu nehmen, verlegen wir die Übungseinheiten kurzerhand nach Hause, denn sie ist handlich genug, um alle Körpergruppen gleichermaßen anzusprechen. Hier eine Auswahl.

Übung 1: Die Zwycięstwo-Variante

Wir befinden uns im hüftbreiten Stand, die Knie leicht gebeugt. Das am Boden liegende (später schon sitzende) Baby nehmen wir in beide Hände, ziehen es an die Brust und stoßen es dann mit ausgestreckten Armen Richtung Decke, wo es wild mit Beinen und Armen strampelt und ein paar Spuckfäden absondert. Anschließend senken wir die Arme und führen die Bewegung von vorn aus. Als Alternativübung können wir das Baby auch nach vorn, anstatt nach oben drücken. Das geht noch mehr auf die Arme.

Übung 2: Die Baby-Bauch-Kombinationen

Ausgangslage ist auf dem Rücken am Boden liegend. Fortgeschrittene heben den Oberkörper leicht vom Boden ab und winkeln die Beine in der Luft im 90-Grad-Winkel an. Die Hände befinden sich an den Fußknöcheln. Anschließend werden Beine und Arme wie eine sich öffnende Blüte vom Körper gestreckt. Danach geht es zurück in die Ausgangsposition. (Das Baby sitzt am besten daneben und schaut sich alles an, denn ich hatte immer Angst, dass mir Schelma durch die Hände rutscht.) Eine ähnlich effektive Bauchübung sind auch die Baby-Sit-ups. Das Baby sitzt zwischen unseren Füßen und wird von diesen fixiert. Mit Hilfe unserer Bauchmuskeln bringen wir uns in die Sitzposition. (Schelma hatte immer sehr viel Spaß bei dieser Übung. Meiner Schwiegermutter gefiel sie weniger. Als ich ihr sie einmal vorführte, presste sie die Lippen aufeinander und stemmte die Hände in die Hüften, während sich zwischen ihren Augenbrauen eine Zornesfalte entwickelte. Ich verzichte seitdem auf Baby-Sporteinheiten vor Publikum.)

Übung 3: Die Hoppe-hoppe-Reiter-Variante

Diese Übung ist für Kinder geeignet, die sich bereits in der Hoppe-Reiter-Phase befinden sowie für Erwachsene, denen an sanften Übungen für Po und unteren Rücken gelegen ist. Während wir mit dem Rücken auf dem Boden liegen, sitzt das Baby auf unserer Hüfte. Wir heben die Hüfte bis an den höchsten Punkt, verbleiben dort eine Weile und senken wieder langsam ab. Schon fertig. Anschließend eine Runde Hoppe-hoppe-Reiter.

Übung 4: Daddy’s walk

Die Übung kann in verschiedenen Varianten ausgeführt und in erster Linie dann angewendet werden, wenn einem das Gemecker des Babys auf die Nerven geht und es herumgetragen werden will. Das kann auf dem rechten Arm geschehen, auf dem linken, in einer Kombination von beiden, wenn ein Arm schwach werden sollte, auf dem Kopf oder den Schultern. Die Intensität wird dabei von Monat zu Monat kontinuierlich gesteigert. Der Schwierigkeitsgrad wird zudem durch eingebaute Kniebeuge erhöht (heruntergefallener Schnulli…) Bei Schelma begann ich das Training mit einem Startgewicht von 2880 Gramm. Ein Jahr später stemme ich schon 9,3 Kilo. Und ich weiß, da ist noch mehr drin.

Super, toll, klasse: Kita-Suche in der Großstadt

Schelma ist seit ein paar Wochen auf der Welt, als wir uns der scheinbar unlösbaren Aufgabe stellen, einen Kita-Platz für sie zu finden. Bei der Wortkombination „Großstadt“ und „Kita-Platz“ ist das mitleidige Lächeln vorprogrammiert, kombiniert mit zusätzlichen Ausrufen wie „oh Gott“, „eine Katastrophe“ oder „viel Glück“.

Geschichten dringen zu uns von Eltern, die schon mit dem positiven Schwangerschaftstests in den Kitas aufschlagen, um sich überhaupt eine Chance offen zu halten. So schlimm wird es schon nicht sein, sprechen wir uns selbst Mut zu. Die Kita-Dichte in unserem Kiez lässt uns auch nicht verzweifeln, die Suchmaschine spuckt eine ganze Reihe von Kindereinrichtungen aus. Wir vergleichen sie mit unserem Kriterienkatalog und sehen die Liste langsam in sich zusammenschrumpfen.

Auf das deutsch-spanische „Karussell“ können wir nicht aufspringen. Spätestens unsere deutschen und polnischen Pässe hätten uns verraten. Und außerdem mögen wir sowieso beide kein Spanisch. Konfessionelle Kindergärten können wir ebenso abhaken. Zum Unmut der Familie haben wir Schelma nicht einmal taufen lassen. Da wir eine Kita brauchen, die Kinder bereits ab dem 1. Lebensjahr aufnimmt, bleiben von unserer langen Liste schließlich fünf Namen stehen. Einige Anrufe später haben wir unsere Termine.

In den Tagen vor den ersten Vorstellungsgesprächen trainieren wir vor dem Spiegel unser Super-Eltern-Lächeln und versuchen, so überzeugend wie möglich „Super!“, „Toll“! oder „Klasse!“ aufzusagen. Zum Termin stecken wir Schelma in die süßesten Klamotten, die wir für ihre Größe zur Verfügung haben. Der Effekt ist wie gewünscht. Viele „Oohs“ und „Achs“ erwarten uns schon an der Eingangstür. Voller Stolz zeigen uns die Erzieherinnen die Räume, preisen ihre Pädagogikkonzepte und Bildungspläne und holen, als müssten sie einen Beweis nachliefern, einen dicken, staubigen Ordner aus einem Regal, den sie wie ein Schild vor uns schwenken. „Wir halten uns sehr eng an das Konzept daran und holen jedes Kind dort ab, wo es steht“, betonen sie.

Keine der Kitas, die wir besuchen, macht einen schlechten Eindruck. Hier geht der Ausblick aus dem Fenster mal auf eine Mülltonne, dort ist es düster wie im Böhmerwald, aber das ist nichts, was abschreckt. Wir wissen, wir können nicht allzu wählerisch sein. Nur irgendwie komisch riechen sie alle. Zwar riecht das eigene Kind auch ziemlich oft ziemlich komisch, aber daran hat man sich schnell gewöhnt. Während der Führungen durch die Räumlichkeiten halten wir uns an unseren Plan und geben so oft ein „Super!“, „Toll“! oder „Klasse!“ von uns, dass es uns selbst fast schlecht wird.

„Essen bekommen wir von einem Caterer geliefert!“ – „Super“!

„Auf Wunsch essen die Kinder auch vegan!“ – „Toll!“

„Die Eltern sind angehalten, sich aktiv zu beteiligen und einmal im Monat für alle zu kochen und zu waschen!“ – „Klasse!“

Selbst zu den neugierigen Bälgern, die ihre Klebefinger in Schelmas frisch gewaschene Haare patschen, finden wir nur die liebsten Worte. Und da die Erzieherinnen laut Pädagogikkonzepten zu interessierten Eltern ebenfalls nett sein müssen, laufen wir allesamt strahlend wie eine Osram-Birne durch das Haus. Zumindest bis zur entscheidenden Frage, der einzigen, die uns wirklich interessiert: Wie lang ist die Warteliste? Darauf hören wir meist ein „Tja…“. Das „Tja“ heißt übersetzt: „Verdammt lang, und ihr könnt so viel lächeln wie ihr wollt, aber davon wird sie auch nicht kürzer.“

Wir verewigen uns auf allen Listen, die uns vor die Nase gelegt werden, wissen aber, das wird nicht reichen. Vor dem nächsten Frühjahr würden wir sowieso unwissend bleiben. Als das Jahr dem Ende entgegengeht, holen wir unsere Geheimwaffe raus. Den Tipp hatte uns eine Bekannte gegeben, die daraufhin von allen Kita-Bewerbungen Zusagen einheimste. Der Trick: eine Weihnachtsfotokarte. Wir stecken Schelma in die hübschesten Klamotten, die wir zur Verfügung haben, binden ihr eine rote Schleife um den Kopf und versuchen die nächsten 30 Minuten, sie a) zum Lächeln zu bringen und b) zum richtigen Zeitpunkt auf den Auslöser zu drücken. Beides gestaltet sich schwierig.

Von den 23 Aufnahmen schaffen es schließlich fünf in die Endauswahl. Wir basteln uns online eine Weihnachtsfotokarte zusammen, garnieren sie mit Schelmas lieben Grüßen und Großstadt-Papi persönlich steckt sie den Kitas in die Briefkästen. Und es tut sich – nichts. Nicht, dass die Karte nicht registriert worden wäre, wie spätere Nachfragen ergeben – „Sie waren doch die mit der schönen Karte“, „Eine schöne Geste, über die wir uns sehr gefreut haben“, „Natürlich erinnern wir uns Sie, vor allem an die schöne Karte“ – nur zu einer endgültigen Zusage kann sich keiner durchringen. Dann, einige Zeit später, kommt der Anruf von der Piraten-Kita. „Wir hätten einen Platz für Sie, das hat jetzt aber nichts mit Ihrer Karte zu tun, über die wir uns dennoch sehr gefreut haben.“

Nichts mit der Karte zu tun?!

Egal!

Mission Kita-Suche erfüllt!

Feuerwerk im Kopf

Schelma ist noch ein frisch geschlüpftes Küken, als wir von Mitbürgern am anderen Ende der Lebensskala die ersten Hinweise bekommen. Vögel zwitschern, die Sonne strahlt auf unser Elternglück, als die Seniorin an unserer schattigen Parkbank vorbeikommt. Sie beginnt mit einem „Oohhh“, was sie nicht unsympathisch macht. „Wie alt ist das Kind denn, zwei Wochen?“. „Drei Wochen“, korrigieren wir. Dann verdüstert sich der Blick der Alten. „Und wo hat sie die Mütze?!“, empört sie sich. Es klingt, als würden wir gegen die öffentliche Ordnung verstoßen. „Es sind 30 Grad“, antworten wir den Fakten entsprechend. Sie verzieht das Gesicht, als hätten wir ihr die Windel ins Gesicht geschmissen. Es kommt noch ein schnippisches „Aha, na gut“, dann zieht sie ab, wohl auf direktem Weg zum Jugendamt.

Ich will ihnen nicht Unrecht tun. Die meisten alten Leute tun uns nichts. Im Allgemeinfall geht man aneinander vorbei, im Optimalfall bricht Schelma Herzen. In der S- oder U-Bahn hat sie schon auf so manches angegraute Gesicht ein breites Lächeln gezaubert. Wenn sie ihre Paradedisziplin auspackt – das Lächeln gepaart mit Winke-Winke – schmelzen ganze Bankreihen von Fahrgästen dahin. Wir haben auch nette Nachbarn, die uns für Schelma Plüschtiere geschenkt haben. Der Nachbar in unserer Etage hat sich ehrlich gefreut, dass es wieder Nachwuchs gibt, „denn sonst sterben die Leute in dem Haus nur“.

Als ich eines Tages mit Schelma im Park unterwegs bin, umkurve ich eine Gruppe Spaziergänger, in deren Mitte sich eine ältere Dame befindet. „Ich finde es toll, wie sich die Männer heute um die Kinder kümmern“, höre ich sie in meinem Rücken sagen. „Der Dieter hat das nie gemacht.“ Dieter ist nicht dabei und ich weiß nicht, was er zu seiner Verteidigung vorgebracht hätte. Aber ich fühle mich geschmeichelt.

Lediglich für einen offenen Mund hat die Dame vom Rostocker Bahnhof gesorgt. Wir warten nach einem Wochenend-Ausflug auf unseren Zug, als sie aus der Tiefe auftaucht, neben uns stehen bleibt und feststellt: „Ach, angeleint wie ein Hündchen, wie ein Pferdchen. Was es alles gibt!“ Ich weiß nicht, wie die alte Schindmähre vor 100 Jahren aufgewachsen ist, aber ich will Schelma ungern frei auf dem Bahnsteig herumkrabbeln lassen und schnalle sie im Kinderwagen doch lieber an.

Es gibt auch ältere Mitbürger, von deren Erfahrungen wir gerne profitieren. Berlin-Oma treffen wir auf dem Spielplatz an der Schaukel. Sie ist mit ihrem Enkel gekommen, der einen starken asiatischen Einschlag hat. Wir loben uns gegenseitig für das tolle Haar unserer Sprösslinge (Schelma in strahlendem Rost-Rot, der kleine Asiate schwarz wie Ebenholz), dann ist die Schaukel frei und während sie nebeneinander hin- und herschwingen, kommen wir mit Berlin-Oma ins Gespräch.

Wir erzählen, dass Schelma erst seit kurzem schaukelt, aber dass sie es liebe. „Oh ja, das ist etwas ganz tolles für die Kinder“, sagt Berlin-Oma. „Durch diese Schwingungen bekommen sie ein ganz neues Körpergefühl, das ist wie ein Feuerwerk im Kopf.“ Wir haben keinen Zweifel, dass Berlin-Oma, als sie in den späten 60er, frühen 70er Jahren noch keine Oma war, auch das ein oder andere Feuerwerk im Kopf durchlebte. Und Schelma? Die jauchzt fröhlich in der Schaukel und genießt ihr neues Körpergefühl.

Die Supernasen

„Bei euch riecht es immer so schön nach Baby!“

Was die Großmamas bei jedem Besuch zum Strahlen bringt, nehmen wir schon gar nicht mehr wahr. Natürlich hat es mich nie interessiert, was andere Kinder in den Windeln haben. Mit dem eigenen Kind wird man zum Experten. Und sieht es ein: Dass die Fabrik ordentlich läuft, ist das Wichtigste. Wenn das kleine Ding vor Bauschmerzen schreit, geht einem das bis in die eigenen Eingeweide.

Wenn Schelma die Produktion anwirft, erkennen wir das an wenigen untrüglichen Zeichen. Ihr Gesicht wird rot, ihre Augen treten hervor und auf der Stirn erscheint ein Harry-Potter-Mal. Dann ist der Zauber vorbei und die Aufräumarbeiten beginnen. Wenn sie sich nicht so sehr anstrengen muss, erkennen wir den Stand der Dinge durch ihren Geräuschpegel. Dann wird sie plötzlich still und rührt sich nicht mehr von der Stelle.

In den Anfangswochen schauen wir häufiger nach, als es nötig ist, machen uns Gedanken über Häufigkeit, Farbe und Konsistenz. Später, als die Nahrung schon um einige Facetten erweitert wurde, freuen wir uns, das Mittagessen wiederzuentdecken und stemmen die Windel wie einen Pokal in die Höhe: Da ist das Ding! DA! IST! DAS! DING! Wir können gleich sagen, ob es die Nudeln mit Tomatensoße oder der Spinat sind. Auch unsere Nasen erreichen technische Perfektion. Ein fachmännisches Schnuppern und Schnüffeln am Hinterteil kann sofort darüber Auskunft geben, wie ernst die Lage ist.

Das heißt nicht, dass Schelma nicht auch für eine Überraschung gut ist. Es mochte an den herausdrängenden Zähnen gelegen haben, dass sie an einem Tag ganze sechs mal Output produzierte. Es ist einfach verblüffend, was in einem so kleinen Menschen alles drinsteckt. Umständlich wird es nur, wenn der Ort nicht dazu passt, etwa im Park mit Papi, der die Ersatzwindeln vergessen hat oder auf das Parkett in unserer Airbnb-Mietwohnung (wenn du das liest: Sorry, Franz!).

Doch eine Windelaktion führt auch zu neuen Bekanntschaften. Während eines Ausflugs schafft es Schelma in einem Restaurant, sich komplett vollzukacken – von den Füßen bis hinauf zum Rücken. Einen Wickeltisch gibt es nicht. Mutti nimmt die Operation auf der Damentoilette neben dem Waschbecken vor – und Schelma lacht und jauchzt und freut sich, bis alle Damen in der Toilette um das vollgekackte Kindchen herumstehen, lachen, jauchzen und sich mitfreuen.

Es riecht einfach so schön nach Baby!