Der erste Geburtstag

Es ist ein Idyll. Die Familie ist beisammen und begeht den 1. Geburtstag unserer kleinen Schelma, die uns mit ihren 5 ½ Zähnchen anlächelt und zielstrebig Richtung Verteilersteckdose krabbelt. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Seit sie auf der Welt ist, wird nicht mehr gefragt, wie es uns geht, nur noch, wie es Schelma geht. „Wir würden Schelma gerne mal wieder besuchen“, hören wir oft, und dann als schneller Nachschub: „Euch natürlich auch!“ Aber man kann uns nichts vormachen. Wir verblassen und Schelma ist der neue Fixstern im Familienuniversum.

Natürlich ist Schelma nicht ihr richtiger Name, aber es trifft ihren Charakter recht gut. Zufälligerweise wurde sie auch noch am selben Tag geboren wie Louis de Funès, nur 101 Jahre später. (An diesem Tag geboren wurden ebenso u.a. Joanne K. Rowling und Ted Cassidy alias Butler „Lurch“ aus der Addams Family.)

Wird unsere Schelma dereinst auch durch ihre Talente von sich reden machen? Wir freuen uns zunächst über ihren sportlichen Ehrgeiz, schließlich hat sie sich bislang nicht durch großen Bewegungsdrang ausgezeichnet. Das fing schon im Bauch an. Eines Tages hatte sie es sich in der Beckenendlage gemütlich gemacht und in den Monaten darauf keinerlei Anstrengungen unternommen, etwas daran zu ändern.

Als sie vor einem Jahr um 11:21 aus ihrer bequemen Lage geholt wird, ist sie entsprechend nörgelig und guckt zerknautscht. Sie blickt uns an wie ein kleiner Pirat, ein Auge zugekniffen, das andere noch etwas skeptisch dreinblickend. Als ich sie vom OP in das Zimmer trage, werde ich zur Sicherheit von einer Schwester begleitet. Sie hatte schon zu viele Väter erlebt, denen nach einer Geburt der Kreislauf versagte. Ich halte mich schadlos. Als Mutti zu uns ins Zimmer gebracht wird, hatten wir uns schon längst angefreundet. Während sich die beiden näher kennenlernen, übernehme ich den Telefondienst und informiere die Familie, die ich auf dem Brocken, beim Frisör in Stettin oder in einer spanischen Kleinstadt erreiche. Um die Panik bei den Großeltern nicht ausarten zu lassen, hatten wir den Kaiserschnitt-Termin wissentlich verschwiegen.

Nach einigen Tagen ziehen wir aus dem Krankenhaus aus und starten unser gemeinsames Leben zu Hause. Bei manchen Paaren beginnen dann seltsame Phasen. Den Mann, bis dahin recht glücklich im Homeoffice beschäftigt, zieht es plötzlich wieder ins Büro. („Dringende Sachen, Schatz, das lässt sich von zu Hause schlecht regeln.“) Die Frau, bis dahin stets picobello herausgeputzt, hat plötzlich Tränensäcke bis zum Kinn, zerzaustes Haar und empfängt Gäste nachmittags noch im Bademantel. Immerhin kann sie sich glücklich schätzen, überhaupt noch soziale Kontakte zu haben.

Irgendwie können wir an diese Klischees nie glauben und die einzig wahrnehmbare Wesensänderung meiner Frau besteht darin, dass sie einen bluttriefenden Psychothriller nach dem anderen liest, gerne auch während der ruhigen Momente beim Stillen. Schelma macht es uns auch ziemlich leicht – mit schlafen, essen und Windeln vollmachen sind ihre Tage sinnvoll gefüllt. Und geben wir es zu: In den ersten Wochen nach der Geburt ist man als Mann sowieso recht nutzlos. Man kann Windeln wechseln, spazieren gehen und hoffen, durchzuschlafen. An 1. Stelle aber steht die Milchbar und hier wird nur einer bedient. Mann muss sich gedulden, bis er wieder an der Reihe ist.

So ziehen die ersten Monate dahin. Wir haben Schelma auf einen Tagesrhythmus eingetaktet, der Alltag mit Kind geht seinen Gang. Anfangs fällt es mir schwer, mit dem Baby zu reden oder ihm etwas zu erzählen. Wenn der Gegenüber die Augen zukneift und schreit, empfinde ich das in der Regel nicht als Einladung, das Gespräch fortzuführen. Mit Schelmas Mimik gestaltet sich auch meine Erzähllust. Und noch mehr: 12 Jahre nach dem Ende meiner Schüler-Rockband fange ich wieder an zu singen und – noch verrückter – ich tanze sogar mit Schelma. Das mache ich nicht mal mit meiner Frau (und dafür gibt es Zeugen!).

Bald aber keimen die ersten Sorgen auf. Anfangs ist es nur eine Ahnung, dann stellt man sich die Fragen immer öfter: Sollte sie nicht bereits…? Können andere Kinder in dem Alter nicht schon…? Warum macht sie nicht…? Dass sie ein – es lässt sich nicht besser ausdrücken –

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Schelma, hör auf mit der Tastatur zu spielen! Papi arbeitet!

Also, Schelma ist ein ziemlicher Faulpelz, das hatten wir schon mitbekommen. Schließlich aber kriegen wir es offiziell von der Ärztin:

VERZÖGERT!

AB ZUR PHYSIO!

Mutti hat Tränen in den Augen. Die Großeltern versuchen zu beruhigen: „Jedes Kind ist anders. Früher hat das auch keinen interessiert.“ Auch eine Kollegin spendet Trost. „Als der Arzt bei unserem Kleinen nach der Untersuchung sagte, dass da was nicht so ist, wie es sein sollte, hab ich auch geheult“, erzählt sie. „Jetzt ist er so wild, dass wir nur noch auf den ersten Krankenhausbesuch warten.“

Von Anfang an lässt Schelma keinen Zweifel daran, was sie von der Physio hält, sie…

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Schelma!!

Die ersten Sitzungen sind eine Tortur. Danach liegt Schelma, alle Gliedmaßen von sich gestreckt, zwei Stunden im Koma. Manchmal beginnt sie schon zu meckern, wenn sie ihre Folterkammer nur von außen sieht. „Sie hat die Kraft und sie weiß, wie es geht“, sagt uns die wahrlich engagierte Therapeutin nach einigen Wochen. Den Rest können wir uns denken. An der Therapeutin liegt es wahrlich nicht, sie singt, sie schaukelt, sie tröstet. Und Schelma? Erst als sie eingesehen hat, das Boykott zwecklos ist, zieht sie mit, abgesehen von den ein oder anderen Tagen, an denen sie ein Heulkonzert veranstaltet und die Therapeutin vollkackt. Pünktlich zum 1. Geburtstag hat sie den Großteil aufgeholt und erkundet die Wohnung nun auf allen Vieren. Es gibt schließlich tolle Steckdosen zu entdecken.

Und ich bin sicher: Schelma, aus dir wird noch etwas Großes!

 

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